Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 11 (November 1919)
- Article
- Kamorra
- Date
- 1919-11-01
- Page
- 459 (sequence 4)
- Language
- German
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Karnorra 459 schon immer herhalten mußte, wenn andere Register nicht verfangen wollten. Als durch die Schuld des Junkertums der Tag von Jena für Preußen so bitterbös geendet hatte und Freiherr vom Stein das unglückliche Land mit Hilfe der Bauernbefreiung emporrichten wollte, da verdächtigten die antisemitischen Agrarier den Steinschen Gedanken bei Friedrich Wilhelm III. als den Ausfluß „neudeutscher I u de n p o l i t i k"? Als der unvermeidliche 18. März über Friedrich Wilhelm IV. hereingebrochen war, wurde er als von Juden, Polen und Franzosen „gemacht" denunziert und diskreditiert. Als unter Wilhelm I. Bismarcks Künste im Kampf gegen den „Umsturz" ersichtlich versagten, da wußten die Staatskünstler Preußens sich keinen besseren Rat, als daß sie den Hofprediger Stöcker, die Kamorristen Freiherrn von Hammerstein und Rektor LIhlüvardt auf die Juden losließen. Jetzt liegt der verlorene Krieg vor uns. In den Wahlschlachten des 19. und des 26. Januar 1919 holte sich die Reaktion zwei Niederlagen, durch die sie bis auf weiteres von der Mitbestimmung an der Regierung Deutschlands und Preußens ausgeschaltet wurde. Diese Scharte wollen die vereinigten Reaktionäre aller Schattierungen bei den nächsten Wahlen wieder auswetzen. In ihren Mitteln sind sic nie wählerisch gewesen und werden sie es 1920 weniger sein als je! Daß alles Rüstzeug des Antisemitismus wird herhalten müssen, das kann nicht dem allergeringsten Zweifel unterliegen. Hat doch Minister a. D. Hergt, einer der dentfchnationalen Führer, vor kurzem auf einer Parteitagung in Greifswald der Ueber^eugung Ausdruck verliehen: . „Die antisemitische Welle wird den kommenden Wahlkampf für die Deutschnationalen ganz außerordentlich erleichtern." Und die um Hergt werden jene „Welle" um so höher spülen zu lassen versuchen, je schlechter sie bei den Feststellungen abfchnerden, die ihren Freunden Ludendorss und Helsferich, Zimmermann und Tirpitz, Bechmann und wie sie alle heißen mögen die Herren Handlanger der Kriegs-Kamorra im Untersuchungsausschuß der Nationalversammlung erblühen. Und auch diese Schläge wird der Antisemitismus — wenn es nach seinen Wünschen geht — von dem Rücken seiner Kumpane aus den der Juden abzuleiten versuchen. Von allen Gefahren aber, die uns drohen, könnte diese die größte werden. Zumindest, wenn wir nicht beizeiten alle Vorbereitungen träfen, die man drei Monate vor einer Entscheidungsschlacht nur irgend treffen kann. Und diel mehr Zeit haben wir nicht zur Verfügung!