Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 9 (September 1919)
- Article
- Ueber die Berufsberatung der Juden
- Date
- 1919-09-01
- Page
- 387 (sequence 3)
- Language
- German
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lieber die Berufsberatung der Juden 387 gemäß dem Gesetz von Angebot und Nachfrage — die Gehälter, und auch die Möglichkeiten des Fortkommens. Daß sich der Jude so gern dem Kaufmannsstande zuwandte, hat meiner Ansicht nach im wesentlichen seine Ursache in drei Faktoren. In diesem Punkte war der Jude meist konservativ; es bestand eine gewisse Tradition in dieser Richtung: der Großvater war Kaufmann gewesen, der Baker hatte den gleichen Beruf, der Sohn sollte auch Kaufmann werden, weil man meinte, ein Jude gäbe unter allen Umständen einen tüchtigen Kaufmann, aber kaum je einen tüchtigen Handwerker oder Beamten. Daß es sich hier um einen schweren Irrtum handelt, bedarf besonderer Hervorhebung. Die Eigenschaften, welche von den einzelnen HandweÄen gefordert werden, besitzt der Jude im gleichen Ausmaß. Dann aber glaubte man die Möglichkeit eines guten Fortkommens sei beim Kaufmann größer als beim Handwerker, wobei man aber übersah, daß ein Aufstieg in die höheren Schichten des kaufmännischen Berufs nur wenigen gelang. Auch im Handwerk gibt es allenthalben für Befähigte und Tüchtige Aufstiegsmöglichkeiten. Nicht wenige unserer ersten Techniker und Jngenieuressind ja aus dem Handwerk hervorc-eganrgen/ Hier hat im übrigen die Entwicklung der letzten Wochen Wandel gebracht. Der Verdienst ist wohl nirgends so wenig als beim Kaufmann und den kaufmännischen Angestellten gestiegen. Endlich aber war die soziale Stellung maßgebend. Der Kaufmann/und bekleidete er eine noch so kleine Stellung, dünkte sich immer vornehmer als der Handwerker oder Arbeiter. Der Kaufmann fühlte sich einer gehobeneren Schicht zurgehörig; auch der kleinste kaufmännische Angestellte wärmte sich in der Sonne des Unternehmers. Hier scheint sich nun eine Wandlung zu vollziehen. Mit der zunehmenden Ausgleichung der wirtschaftlichen Verhältnisse vollzieht sich eine Umwertung 'der Berufe. Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, daß es sich nur um Teile eines Ganzen handelt, daß jeder Beruf gleich notwendig und gleichberechtigt im Staatswesen ist. Dadurch, und gefördert durch die Bestrebungen der Einheitsschulen, beginnt sich ganz allgemein eine Umschichtung der Gesellschaft czu vollziehen,'von der auch die Juden nicht unberührt bleiben werden. Ausgabe der Berufsberatung der Juden ist es, diesen Prozeß zu fördern, den Eltern und den Kindern klarzumachen, daß sie ebenso und oft noch besser zum Handwerker wie tzum Kaufmann Laugen, daß die Mö'glichkeiten -des Fortkommens beim Kaufmann durchaus nicht besser sind, daß es auch beim Handwerker Ausstiegs- Möglichkeiten gibt, und daß das Ansehen, das ein Mensch genießt, heute nicht mehr durch die Art seines Berufes, sondern durch sein Können und seine Persönlichkeit bedingt sind. Gelingt es, von all diesem den Menschen zu überzeugen und die Wahl "des Berufes weniger von äußeren Faktoren abhängig, zu machen, dann wird der Beruf auch dem Menschen wieder mehr Zufriedenheit und inneres GWck geben; der Jude wickd in andere Kreise hineinblicken, andere Beachtet die Anzeigei ”Gabriel Riesser” Verlag!