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Im deutschen Reich · 1919-09-01 · Heft 9 (September 1919) · p. 386

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
25 (1919)
Issue
Heft 9 (September 1919)
Article
Ueber die Berufsberatung der Juden
Date
1919-09-01
Page
386 (sequence 2)
Language
German
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Das f)dt die Berufsberatung heute oft übersehen und den Prozeß der Mechanisierung des Lebens und des Geistigen, anstatt ihn aufzuhalten, weit er getrieben. Nicht nur, und nicht einmal in erster Linie, darauf kommt es an, daß der einzelne den Beruf ergreift, der die besten FortkommensmöglichkeiLen bietet, sondern darauf, daß er innere Befriedigung und die Möglichkeit zur Entfaltung all seiner Kräfte findet. Das kann — und darauf wies schon Pestalozzi, darauf weisen die Pädagogen unserer Tage, vor allem Kerschensteiner und Eduard Spranoer, immer wieder hin — auch der kleine Harkdwerker. Inneres Glück, Kunst und künstlerisches Empfinden geben nicht nur ihm selbst, sondern auch seinem Erzeugnis einen Wert, eine individuelle Note. Nur dann aber wird der Mensch imstande sein, all seine Kräfte zu entfalten, wenn der Beruf, den er ergreift, seiner seelischen — und naturgemäß nicht minder seiner körperlichen — Veranlagung entspricht und er nicht an jedem Tage den Widerspruch zwischen Wollen und Können, zwischen Neigung und Pflicht neu empfindet. Da werden seelische Energien verbraucht, die er dem Leben entzieht. Jede Berufsberatung muß daher in steigendem Maße die seelische Veranlagung berücksichtigen. Hierzu gibt uns die Entwicklung der modernen Psychologie die Mittel an die Hand. Es hat sich' eine Psychologie der Berufe und der Eignung zu ihnen sowie eine psychologische Methodik der Prüfung entwickelt, welche eine Feststellung gestattet, ob ein Mensch für einen bestimmten Beruf geeignet ist oder nicht. Derartige Untersuchungen sind bisher für Kraftfahrer, Flugzeugführer, Straßenbahn- und Lokomotivführer, für Maschinenschreiber, Buchdrucker, dem ärztlichen Beruf sowie für eine große Anzahl anderer Berufe durchgeführt und zum Teil auch praktisch bei den Auswahl von Bewerbern für Stellungen angewandt worden. In einigen großen Maschinenfabriken, welche eigene Lehrlingsschulen haben, werden alle Knaben vor ihrem Eintritt nach psychologischen Gesichtspunkten geprüft und die ungeeigneten ausgeschieden. Jede Berufsberatung muß sich diese Methoden nutzbar zu machen versuchen und weit mehr, als dies bisher geschehen ist, den Gesichtspunkt der psychischen Eignung berücksichtigen. Das gilt auch von der Berufsberatung der Juden. Dem Handwerk wandte sich der Jude bisher nur in vereinzelten Fällen zu; die Mehrzahl ging in den Kaufmannsstand, und wenn man — und besonders er sich selbst — dem Juden dazu eine besondere Eignung zusprach, so brachte er es doch auch hier meist nicht über eine kleine oder mittlere Stellung hinaus; nur verhältnismäßig wenigen gelang es ja, sich über ein gewisses Niveau zu erheben, von dem ab händlerische Fähigkeiten allein nicht mehr maßgebend sind, sondern wo der selbständige, organisatorische Geist den Ausschlag gibt, wo das Finden neuer Wege und Möglichkeiten, kurz die Konzeption von Ideen und Kombination herrscht. Durch das Zuströmen immer neuer Elemente zum Kaufmannsstand wurde hier einmal eine derartige Ueüerflutung mit jüdischen Angestellten erzeugt, daß sich der Haß der Andersgläubigen gegen diese jüdische Konkurrenz richten mußte; andererseits sanken —

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