Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 9 (September 1919)
- Article
- [Ohne Titel] / J. Sch.
- Date
- 1919-09-01
- Page
- 370 (sequence 4)
- Language
- German
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370 Im deutschen Reich stammten Wahrheitsliebe jammern sie noch heute über den beherrschenden Einfluß der jüdischen Blätter, der zerstört werden müsse, weil sonst Deustchland nicht gesunden könne. Die antijüdichen Blätter haben an Zahl, an inhaltlicher Ausdehnung, an Verbreitung ungemein zugenommen. Sie wollen nicht nur den Straßenpöbel, den gebildeten und ungebildeten, gegen uns Juden aufputschen, sondern auch diejenige Einrichtung, die zum Schutze der Ordnung vom Staat, also von den Bürgern, auch den jüdischen, unterhalten und bezahlt wird: das Militär antisemitisch bearbeiten, damit es im kritischen Zeitpunkt sich zum mindesten „neutral" verhalte, d. h. die angegriffenen Juden ohne den erforderlichen Schutz lassen. Ueberstürzt sich die Woge? „Kreuzzeitung" und „Deutsche Tageszeitung" haben es für zweckmäßig gehalten, sich, wie Dr. Paul Nathan in einem dankenswerten Artikel des „Berliner Tageblatt" (23. August) es treffend nannte, ein Alibi zu verschaffen, falls es doch zu Pogromen kommen sollte. Sie haben, nachdem sie sich nach besten Kräften an der Hetze beteiligt, plötzlich erklärt, daß sie Pogrome mißbilligen und sie haben so etwas wie einen Strich zwischen dem Pogrompöbel und sich gezogen. Sie haben sogar nicht erst gewartet, bis tätliche Judenverfolgungen ausgebrochen sind-, um hinterher mit Krokodilstränen derartige Barbareien zu verurteilen, sie haben es schon vorher getan. Deutet das auf einen Umschlag des Wetters? Oder ist es nur ein Zeichen dafür, daß selbst diesen Blättern die Einsicht dämmert, daß die Pogromhelden ihnen selber gefährlich werden können, daß durch sie zum mindesten Deutschlands unterhöhltes Ansehen in der Welt vollends vernichtet und unser Vaterland selbst bei den vorurteilslos gebliebenen Ausländern als das Land der Barbaren und Totschläger gewertet und behandelt werden wird. Haben die Deutschen, so könnte man dann im Ausland sagen, keine Gelegenheit msehr, außerhalb ihrer Grenzen zu morden und zu plündern, so tun sie es im eignen Lande. Das wäre eine Verkennung der deutschen Art, eine Verwechslung des Abschaums der Deutschen mit den Deutschen selbst, aber das würde, wenn es wirklich zu Pogromen kommen sollte, nicht zu vermeiden fein, weil auch die Regierung mik Recht für sie verantwortlich gemacht werden würde. Die Regierung ist nicht ohne Schuld, daß es überhaupt zu diesen skandalösen Verhetzungen gekommen ist, daß die Straßen der Großstädte, besonders der Reichshauptstadt verunreinigt wurden und von mißtönender Rassehetze widerhallten, daß Zeitungshändler provozierende antisemitische Ausrufe ungestraft