Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1919)
- Article
- Die Pogromhetze
- Date
- 1919-07-01
- Page
- 298 (sequence 10)
- Language
- German
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298 Fm deLtschen Reich So etwas vollzieht sich in aller Ruhe unter den Augen der Behörden! V. Die ersten Folgen der Hetze. Nimmt es wunder, wenn diese schamlose Hetze, dieses ständige Aufpeitschen ber niederen Instinkte, dieses bewußte Hinarbeiten aus Gewalttätigkeiten ihre Wien Früchte tragen? Und gärt es irgendwo, so erscheinen bedenkliche Gestalten, die glühende antisemitische Reden schwingen und die erhitzte Menge zurPlü n - derungjüdischerGeschLftean treiben. So geschah es bei den Unruhen Ende Juni in Berlin dl., so geschah es in B e r l i n - S ch ö n e b e r g , so wird es uns aus Cassel gemeldet. Das berichten nicht nur Zeitungen; Las ist, wie wir genau wissen, den maßgebenden Behörden durch ihre Beobachtungen wohlbekannt. Wer hat denn die antisemitischen Tumulte d-er zweiten Juliwoche im Seebade K o l b e r g angezettelt? Es ist in der Kslberger Stadt, verordnetenvsrsarnmlung von»!4. Juli festgestellt worden, daß ein „ortsfremder", mittelloser, zugereister Student Banduin sie erregt und geleitet hat und Laß bezahlte Kräfte Labei am Werke waren. Wer "nicht mit Blindheit geschlagen ist, der weiß, daß das a n t i - semitische Geld er-find, die ihren Lohn tragen sollten. Zu Ausschreitungen gegen die jüdischen Kurgäste ist es auch im schlesischen Bade Salzbrunn gekommen. Wüste Szenen sah dieser Tage das vstpreutzische Seebad Cr an z, die so bedrohlichen Verlauf nähmen, daß Militärische Hilfe ausgeboten werden mußte. Soweit wäre also die antisemitische Hetzarbeit gediehen. Geradezu läppisch und auch verdächtig aber wirkt es, wenn der „Ausschuß für Volksaufklürnng" plötzlich in einem eigenen Flugblatt feine Anhänger warnt, sich von angeblich antisemitischen Agenten zur Plünderung Mischer Geschäfts hinreißen zu lasten. Diese Heuchelei! Und die Begründung: Es sind von den Juden bezahlte Agenten; denn die Juden wollen mit der Schadenvergütung sich tüchtig die Taschen stopfen. Wie sagte dach der Abgeordnete G'roeoer neulich in der Nationalversammlung: „Niemand sucht einen Hinter der Tür, hinter der er nicht selbst steckt!" ^zeichnend ist, daß die Schatten dieser schrankenlosen Wühlarbeit bereits ins Ausland Men und dort gebührend beachtet werden. Die „Neue Züricher Zeitung" berichtete schon am 15. Mai eingehend über den neuen Antisemitismus in Deutschland. Zuverlässige Stimmen aus Amerika beweisen uns, daß man dort in politischen Kreisen, und nicht nur in jüdischen, mit ernster Aufmerksamkeit diese Dinge bei uns verfolgt und besorgt ist, das republikanische Deutschland wolle sich polnischen Pogromruhm verdienen. Und die englischen Besatzungsbehörden in Köln fördern eifrig die Verbreitung einer auftlärenden Broschüre: „Der Antisemitismus in Deutschland". Ob solche Ereigniffe unseren auswärtigen Beziehungen, die wir, besonders mit Amerika, gut zu gestalten, mit allen Kräften erstreben müssen, dienlich fein werden,' ob uns diese künstlich angeblasene antisemitische Hochflut nicht außenpolitisch stark abträglich sein wird, möge der Minister des Auswärtigen entscheiden.