Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1919)
- Article
- Ist Deutschland antisemitisch?
- Date
- 1919-06-01
- Page
- 272 (sequence 2)
- Language
- German
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272 Im deu'kfcherr Reich Antisemiten befinden? Aus allen Erfahrungen heraus ist Liefe Frage dahin zu beantworten, daß der Kern des deutschen Volkes nicht als a n t i s e m i t i { ch^angesprochen werden kann. Bei vielen Mllionen Deutschen ist der Antisemitismus nicht über die Schwelle des Bewußtseins gelangt; bei vielen ist er erfolgreich bekämpft worden. Die Resolution, die im Hinblick auf den Antisemitismus vom sozialdemokratischen Parteitag in Köln im Oktober 1893 gefaßt worden ist, hat den damaligen Standpunkt der deutschen Arbeiter zum Antisemitismus veranschaulicht, und dieser Standpunkt ist bis heute der gleiche geblieben. Es wäre für die Juden das Schlimmste zu befürchten, wenn die Reaktion wieder ans Ruder käme. Wenn Männer wie z. B. Schulenburg wieder zur Macht gelangten, so würden sich unter den ersten Opfern die Juden befinden. Das Geburtsjahr des deutschen Antisemitismus als organisierte Erscheinung ist das Jahr 1878 — im gleichen Jahre ist über die deutsche Arbeiterpartei das Ausnahmegesetz verhängt worden! Die Folgerung ist: man muß mit dem politischen Fortschritt gehen, die Errungenschaften der Revolution ausbauen und sichern helfen, zumal, da es nicht um Judenrechte, sondern um Menschenrechte geht. Eine sehr naheliegende Frage ist noch: Was hat der Jude der Zukunft zu tun? Zunächst mutz die äußere wie die innere Unfreiheit, die noch immer vielen Juden anhaftet, abgeworfen werden. Die Erfahrung hat immer wieder gelehrt, daß der Respekt vor demjenigen Juden, der mit seinem Judentum frei heraustritt, ein ungleich größerer ist, als vor demjeniigen Juden, der es fertigbekowmt, wenn über jüdische Dinge diskutiert wird, mit dem Gesicht des harmlosen Mitteleuropäers da zu sitzen, den diese Dinge nicht das mindeste angehen. Der Jude der Zukunft muß ferner seine mimosenhafte Empfindlichkeit ablegen. Wenn das Wort „Jude" fällt, so ist damit nicht immer eine antisemitische Tendenz verbunden. Ueber-all erblüht neues Leben aus den Ruinen; neue Preßorgane, neue Verschmelzungen, neue Arbeitsgemeinschaften bilden sich. Bei alledem muß man bedenken, daß die alten Feinde noch nicht tor sind, daß neue erwachsen werden. Wie sich auch die Zukunst gestalten möge, wir müssen uns für jeden Fall auf sie einzustellen suchen. O essen tliche Tätigkeit erzeugt Kritik; wer sie nicht aushalten will, der muß hinter dem Ofen sitzenbleiben. Wir aber wollen nicht hinter dem- O'fen sitzenbleiben; wir wollen hinaus aus dem eigen geschaffenen Ghetto. Im Kampf muß man darauf gefaßt sein, daß Späne fallen. Des Redners Auffassung ist, wie schon betont, daß Deutschland nur antisemitische Enklaven habe, daß die eigentliche proletarische Scholle aber gesund geblieben ist. Mehr als bisher sei erforderlich, aufklarende Arbeit zu leisten, innerhalb und außerhalb des Judentums. Und wenn es nötig ist, darf man, wie gesagt, auch den Kampf nicht scheuen. Viele Juden sind im Ghetto geblieben, weil sie den Kampf gescheut haben. Sie fürchteten sich vor der Öffentlichkeit. Davon müssen sie sich emanzipieren. Wer nicht kämpft, kann nichts erringen. Gegenüber schlecht orientierten christlichen und jüdischen Mitbürgern sollen wir mit Sachlichkeit, mit Ruhe und mit guten Nerven in die Aufklärungsarbeit eintreten, gegenüber unbelehrbaren Mitbürgern tapfere Gegenwehr in abwartender Defensive beobachten; gegen böswillige jedoch, die sich nicht belehren lassen wollen, und zumal gegen' solche, die aus dem Antisemitismus ein Geschäft machen, müsien wir uns zu schneller und stets gerüsteter Offensive bereit halten, die nicht über das Ziel hinaus schießen darf, wie das leider manchmal der Fall gewesen ist. Das mögen unsere Richtlinien sein für die nächste Zeit. Vor allem müssen wir lernen, was wir noch nicht zur Genüge können, das große Geheimnis aller modernen Erfolge: das Geheimnis der Organisation.