Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1919)
- Article
- Ist Deutschland antisemitisch?
- Date
- 1919-06-01
- Page
- 271 (sequence 1)
- Language
- German
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„Ist DeutschemanLisemitüsch?" 211 „Ist Derrtschland antksemMsch?" In einer öffentlichen, von ungefähr 1000 Zuhörern besuchten Dersammlunb der Berliner Ortsgruppe N, NO des Centralvereins hielt das Mitglied der Nationalversammlung, Georg Davids o h ti, am 23. April einen mit stürmischem Beifall aufgenommenen Vortrag über das Thema: „Ist Deutschland antisemitisch?" Der Redner beschäftigte sich zunächst mit dem allgemeinen Problem der Vorurteile, richtiger Nachurteile. Es sei leider nicht zu verkennen, daß der Antisemitismus auch in der letzten Zeit immer noch von den oberen Stellen genährt werde. So hat bekanntlich Prinz Heinrich, der mit der Zeit nicht mitgegangen ist, kürzlich in den „Hamburger Nachrichten" verlangt, der Einfluß derJudenintzandelund Gewerbe müsse ausgeschaltet werden. Typisch für die Stellungnahme des Prinzen zu dem Geiste unserer Zeit ist, daß der gute Mann noch im dritten oder gar im vierten Kriegsjahr, anläßlich eines Festessens, um die technisch geschulten Offiziere auszuschalten, erklärt hat, daß er sich mit „Schlosser n" nicht an einen Tisch setze! Bezeichnend für den Geist im Offtzierkorps ist die S ch u l e n ö u r g - A f s ä r e, sind die Auslassungen des Generalmajors von Wrisberg im „Militärwochenblatt", die auch nicht den leisesten Hauch vom Geiste der neuen Zeit verraten. (Herr v. Wrisberg hat den Juden vorgeworsen, sie setzen alles daran, den Offiziersstand zu vernichten.) Leider muß es ausgesprochen werden, daß man drese Entgleisungen nicht einzelnen Personen zur Last legen darf, sondern daß in den Mnisterien nsw. überhaupt noch die muffige Luft der alten Zeit zu riechen ist. Als er, der Redner, z. B. vor einigen Tagen mit dem Stellvertreter des Kriegsministers eine Unterredung hatte, in deren Verlauf er darauf hinwies, daß das „Berliner Tageblatt" sich sehr scharf gegen v. Wrisberg ausgesprochen habe, lautete die „Antwort": „Ja, das „Berliner Tageblatt" gehört zu den Zeitungen, die den Offizieren schon immer gern etwas am Zeuge geflickt haben!" Es ist offenbar, daß eben nicht bei allen Männern, die sich der neuen Regierung zur Verfügung gestellt haben, Verständnis sür die Ausgaben der neuen Zeit obwaltet. Daher mutz man der Ansicht, daß der Antisemitismus von heute weniger in den Erlassen der Bureaukratte als im Lärm der Presse und Gasse leben werde, einstweilen noch skeptisch gegenüberstehen. Es kommt, soweit es sich um die bureaukratische Maschinerie handelt, nicht nur aus diejenigen Männer an. die an der Spitze eines Ministeriums stehen — so seien Wissell, Haenffch, Ernst und auch Heine frei von Antisemitismus —, sondern auf den g a n zen B e a m te na p p a r a t, der erst nach und nach renoviert werden kann. Ferner ist in Betracht zu ziehen, daß die alten Gesetzes- und Verordnungsbestimmungen noch nicht offiziell durch die Nationalversammlung aus der Welt geschafft sind und einzelne Ministerien sich noch gar nicht demgemäß umgestellt haben. Auch die! Maßnahmen der Berliner Polizei gegen dieausländischen Juden zeigen nicht die geringste Schwenkung. Man kann sogar sagen, daß die Geheimräte Lindy, Lentz usw. gegen die österreichischen Juden schlimmer wüten als je zuvor. Aus all diesen Gründen mutz die Bureau-- kratie genau so überwacht werden wie bisher. Jeder, der mit ihr zu tun hat, kann ihr nur mit Mißtrauen begegnen. Der Redner geht dann auf die Pogrom gerüchte und die gehässigen antisemitischen Flugblätter ein. Er fragt, wie ist es zu erklären, daß in sintx solchen Zeit, die so pogromreif gemacht war, Pogrome beiunsdoch nichthabenaufkommenkönnen, trotzdem nicht geleugnet werden kann, daß sich auch unter den Soldaten und Arbeitern