Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1919)
- Article
- Die Juden, die Antisemiten und die Regierung
- Date
- 1919-05-01
- Page
- 202 (sequence 7)
- Language
- German
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202 Im deutschen Reich „Handelsspionage". Das Reichswirtschaftsamt (setzt Reichswirtschafisministerium) nahm sich der Sache an und gab eine Auskunft des Amsterdamer Deutschen Generalkonsulats Weiter, in der besonders aus den Umstand hingewissen Wird, daß die Inhaber des Geschäfts — Juden sind! Unterm 22. Februar 1919 (nicht 1819!) wurde beim Reichswirtschaftsamt gegen dieses Hineinziehen der Religionszugehörigkeit in eine amtliche Auskunst Beschwerde erhoben. Die Antwort des RLichswirtschastsminifteriums, datiert 11. März 1919, lautete: Die Erwähnung der Konfessions- und Religionszugehörigkeit von Firmeninhabsrn und FirmennntarLeitern gebürt nicht zu den unbedingt notwendigen Bestandteilen einer Auskunft. Immerhin kann dieser Umstand in gewissen (!) Fällen sehr wohl von Interesse sein. Also auch unter dem Sozialdemokraten Wissell „interessiert" sich das Hohe Ministerium in „gewissen" Fällen (das heißt: wenn es sich um j ü d i s ch e Kausleute handelt) für Konfession und Religion. Schlafen Sie ruhig, Herr Dr. Sief! 4« Ausweisungen. Im Verlaus des Krieges habe ich viele Fälle ganz unberechtigter Ausweisungen jüdischer Oesterreicher bearbeitet. Der Unterstaatssekretär, später Minister Or. Drews hat den betreffenden Unglücklichen und deren Familien auf mein Ansuchen in einer ganzen Reihe von Fällen bereitwillig und schnell geholfen. Seit Monaten bearbeite ich einen Fall total unberechtigter Ausweisung aus Berlin. Polizeipräsident E r n st, Ministerpräsident Hirsch versprechen Untersuchung und alles mögliche. Die Sache kommt nicht vom Fleck; denn die Bureaukratie pfeift auf Umschwung, Revolution, „neue Zeit" und all dergleichen. Nun geht das altbekannte Spiel auch wieder in S ch! e s i e n los. Die Polizeiverwaltung von Schweidnitz, angewiesen vom Regierungspräsidenten in Breslau, weist österreichische Juden laut Formular' von 1880 oder so herum aus. Unbescholtenheit, langjährige Ansässigkeit, gut geregelte Lebensverhältnisse, mehrjährige Kriegsteilnehmerichaft, Kriegsbefchädigung: all das spielt keine Rolle. Und der zweite Bürgermeister von Schweidnitz meint: ein österreichischer Jude brauche in Deutschland kein Geld zu verdienen! Ich könnte mich an den preußischen Minister des Innern, meinen Parteigenossen Wolfgang Heine, wenden. Ich unterlasse es, nachdem Ministerpräsident Hirsch, dem ich den Mt vorlegte, für die Sache kaum ein Achselzucken erübrigt hat. Es bleibt einfach nichts weiter übrig, als daß die breiteste Oeffentlichkeit für diese und andere Dinge „interessiert" wird. ,