Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1919)
- Article
- Die Juden, die Antisemiten und die Regierung
- Date
- 1919-05-01
- Page
- 203 (sequence 8)
- Language
- German
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Umschau 208 Denn es ist nun endlich an der Zeit, daß wir feststellen, wie lange noch Herr Dr. Liek und seine alldeutsch-antisemitischen Freunde in Deutschland und in Preußen ruhig schlafen dürfen! . Der Frühling hat die winterliche Starrheit abgelöst. Der erste Frühling im Frieden! Welch ein Zauber müßte aus diesen Worten wehen. Doch den neuen Lenz begrüßten nicht die zwitschernden Stimmen der Dichter, nicht aufatmende Dankesgebete der Alten, und selten nur blickte ein Auge entzückt auf die fliegenden Wölkchen, die unter dem frischgewaschenen Himmel, lustig gejagt vom Frühlingswind, flatterten — fröhliche, helle Wimpel am Himmelsnachen des lächelnden Knaben, der die Welt von Eis und Winterhärte befreit. Keine Frühlingsempfindungen blühten im ausgedörrten Deutschland, keine Frühlingsempfindung löste die Herzen unserer ehemaligen Kriegsgegner. Winterhaß formt noch immer glitzernde, starre Eisblumen, und während die Himmelssonne der Erde sich nähert und sruchtverheißende Wärme sendet, weht es schauerlich kalt um uns, fröstelt der Leib, der gepein-'gte, unterernährte, mit Wunden bedeckte Leib des deutschen Volkes. ■ Ist draußen noch so strenger Winter — ein warmer Ofen, ein behagliches Zimmer, ein glückliches Jneinanderfließen der Familie, was kann der strengste Winter uns anhaben? Wo aber ist jetzt, bildlich gesprochen, der warme Ofen, die Behaglichkeit der Wohnung, die Einigkeit und Eintracht der deutschen Familie? Spartakisten wüten gegen Volksdrüder, eine antimilitaristische Negierung muß sich auf Bajonette stützen, Mordwaffen, geschmiedet zur Abwehr gegen äußere Feinde, werden im Innern gehandhabt, und man sieht des zerfressenden und zerstörenden Haders noch kein Ende; denn niemals kann Beruhigung eintreten, wenn Gewaltunterdrückung Ruhe schaffen will. Kein Friede, kein dauernder Friede kann eintreten, wenn Gewalt die Hand am Schwertknauf halt und zur Unterwerfung zwingt. Das gilt nach außen und gilt nach innen. Und doch muß leider in unserem Lande noch Gewalt sprechen, solange Minderheiten mit Handgranaten und Maschinengewehren ihren Willen dem gepeinigten Bürgertum aufzwingen wollen. Unseliger Krieg nach unseligem Kriege! Selbst die Börger sind gespalten, selbst das Unglück schweißt sie nicht zusammen, das Unglück wird vielmehr zu Parteizwecken ausgenützt, und wie im Mittelalter in entsetzlichen todesschwangeren Zeiten sollen die Juden dem Volk als Opfer vorgeworsen werden.