Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 4 (April 1919)
- Article
- Die Flucht aus der Wirklichkeit
- Date
- 1919-04-01
- Page
- 158 (sequence 14)
- Language
- German
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J-n deutschen Reich prachtvolle Apologie des Judentums ist nämlich nur vom Standpunkte der „Assimilation" berechtigt, die entschlossen ist, das Dasein des Judentums als geistig-religiöser Gemeinschast zu behaupten, in übernationalem Universalismus, überall in der Welt, Palästina na t ü rlich nicht a u s geschlossen, in staatlichem Zusammenleben mit den staatenbildenden Nationen der Welt, in treuer, liebevoller Mitarbeit an der Weltkultur und den einzelnen Nationalkulturen. Dieses Gespenst der „fremdnationalen Kultur", von dem der Verfasser überall das Judentum in seiner Existenz bedroht und dem Untergang entgegengetrieben sieht, flößt uns nicht die geringste Angst ein. In: Gegenteil, wir lieben sie und wollen von ihren wertvollsten Elementen soviel als möglich in uns aufnehmen und innerlich verarbeiten, überzeugt, daß sie uns bereichert und erhöht. Wir fürchten sogar, daß das neue Judentum mit eigener Sprache und eigenem Territorium als alleinigem „difserenzierendem Kriterium", sich dieser „fremdnationalen Kultur" nicht wird erwehren können. Oder werden wir als „außerreligiöse Juden" in Palästina alle zum Leben nötigen „fremdnationalen" Kulturwerte ablebnen und neu schassen und mit unserer nationalen Marke versehen, für unseren alleinigen Gebrauch? Alles: vom pythagoreischen Lehrsatz bis zur Evolutionslebre, von der aristotelischen Logik bis zur modernen Chemie und Relativitätstheorie? Dann müßten wir unser Territorium mit einer hohen, undurchdringlichen chinesischen Mauer umgeben, die eine doppelte Aufgabe zu erfüllen hätte: zu verhindern, daß ein Jude den Fuß außerhalb des Territoriums fetze, da er dort von dem Drachen Assimilation verschlungen werden muß; und zu verhüten, daß eine „fremdnationale" Kulturidee, Errungenschaft oder Einrichtung zir uns dringe; sonst hätten wir den Feind im Hause, die Pest der Assimilation würde uns von innen heraus zersetzen und zerstören, unser „disserenzierendes Kriterium" auslöschen und unser nationales Sonderdafein aufheben. Wir alten die „Gefahren der Fremdkulturen" nicht im geringsten den.tigt. Zur Verwirklichung seines Ideals braucht Klatzkin eins vollständige „Umwertung aller Werte", eine gründliche Umprägung unserer sämtlichen Lebensziels und Stimmungen. Wir müssen lernen, uns in allen Ländern der Welt als Fremdlinge zu fühlen, die nie heimisch werden wollen. Wir müssen uns entwurzeln, um dann desto leichter uns in Palästina einzuwurzeln, müssen auf die Gleichberechtigung verzichten, allen „fremd-nationalen" Kulturschätzen entsagen, müssen immer neue „außerreligiöse" Scheidewände zwischen uns und den „Völkern der Welt" aufrichten, muffen überall einen Jargon sprechen, bis wir ihn schließlich in der altneum Heimat mit dem frischen.