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Im deutschen Reich · 1919-04-01 · Heft 4 (April 1919) · p. 151

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
25 (1919)
Issue
Heft 4 (April 1919)
Article
Die Flucht aus der Wirklichkeit
Date
1919-04-01
Page
151 (sequence 7)
Language
German
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„Die Flucht aus der Wirklichkeit" 151 glühender Seele die Schicksale und die Not der Brüder in der alten Heimat. Wer hier war es ihnen zu enge geworden, und sie mußten hinaus in die Fremde. Sind sie untergegangen? Haben sie sich assimiliert? Hier mochte man sich dieses Schreckgespenst Assimilation etwas naher besehen. Dieser aus dem Physiologischen in die Soziologie übertragene Begriff bezeichnet^ ursprünglich den Prozeß des Stoffwechsels, vermöge dessen ein Organismus die geeigneten Bestandteile der aufgenommenen Nahrung sich einverleibt, in sein eigenes Zellengewebe verwandelt, zur Förderung seines Lebens und Wachstums, die ungeeigneten ausscheidet. Eine gewisse Analogie mit diesem Vorgang hat der soziologische Prozeß, vermöge dessen innerhalb einer geschloffenen menschlichen Gemeinschaft eine eingewanderte Minderheit die einzelnen Bestandteile ihrer Sonderart nach und nach ablegt, bis sie sich der Mehrheit soweit angepaßt hat, daß ein gedeihliches ungestörtes Zusammenleben möglich wird. Die Minderheit legt fedoch überall nur die gleichgültigen oder minderwertigen Bestandteile ihrer Sonderart ab, die wertvollen, oder gar höherwertigen dagegen behält sie energisch bei, verteidigt sie, oft mit der Gefahr des leiblichen Lebens. Wenn dies unmöglich wird, werden die besten und lebensfähigsten Individuen der Minderheit auswandern und neue Siedlungen suchen. Jene Juden, die sich von Palästina aus über die griechische Welt zerstreuten, nahmen Sprache und Kultur der Griechen völlig an, nur an die angestammte Religion hielten sie in unverbrüchlicher Treue und Zähigkeit fest. Die hebräische Sprache ist ihrer ganzen Struktur nach so beschaffen, daß ihre Lebenskraft sich in erster Reihe als die einer Schrift- und Literatursprache bewährt; als solche hat sie sich in wunderbarer Frische und. Lebensfülle bis aus den heutigen Tag bewährt, hat entzückende Blüten und köstliche Früchte gebracht. Als gesprochene Volkssprache dagegen mußte es schon im Heimatlande, Jahrhunderte vor dem Untergang des jüdischen Staatswesens sogar dem viel formen-und klangärmeren Aramäischen weichen. Vollends dem Griechischen konnte sie nimmer standhalten. Daß die Juden von den anderen Inhalten der griechischen Kultur: Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Wirtschaft, Staatsleben, kräftig angezogen wurden und sich ihnen völlig Hingaben, .ist selbstverständlich und zeugt nur für den kulturellen Wert und die Lebensfähigkeit des jüdischen Stammes. Nur in ihrer Religion allein erkannten die Juden ein Element, welches dem entsprechenden der Griechen himmelhoch überlegen war, berufen, nicht nur jenem standzühalten, sondern es sogar zu überwinden. Sie hielten daher an ihrer. Religion nicht nur fest,

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