Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 4 (April 1919)
- Article
- Die Flucht aus der Wirklichkeit
- Date
- 1919-04-01
- Page
- 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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„Die Flucht aus der Wirklichkeit" , .149 anderen m meinem Inhalte soviel Gefallen fanden und sich ihn aneigneten, gerade daß diese Inhalte Gemeingut unzähliger anderer geworden sind, hat bewirkt, daß mir meine Seele entfremdet wurde. Die anderen haben sie mir gestohlen. Und das beweist mir, daß dieser Seeleninhalt nicht das Wesentliche meines Ich ausmacht, nicht das „differenzierende Kriterium" meiner Persönlichkeit, das mein individuelles Sonderdasein bestimmt und mich von den anderen unterscheidet. Nein! Die Form, nämlich der Leib, ist es, den ich ausschließlich für mich behalte, an dem kein anderer teil hat. / Dieser allein ist die „Stütze" meines Sonderdaseins, mein „differenzierendes Kriterium", an dem ich unter allen anderen kenntlich bin. Aber, ach, mein Leib, diese Form, ist krank und brüchig, über ein Kurzes kann er in Staub zerfallen. Es würde sich vielleicht empfehlen,, den Versuch machen, durch gründliche Kur, entsprechende Pflege oder einen chirurgischen Eingriff diesen Leib gesund zu machen, ihm neues Leben einzuhauchen. Solche Wunder geschehen fa alle Tage. Wer das verschmähe ich. Ich.überlasse meinen Leib dem unabwendbaren Zersetzungsprozeß und schaffe mir einen anderen an, aus anderem Stofs, nach anderem Guß, und vertraue, daß diese neue Hülle unvergänglich sein, Wen.Fährnissen trotzen und mein „individuelles Dasein" ewiglich Mützen wird. Und die Seele? Möglich, daß mir eine neue ttachwachfen wird. Aber das ist gleichgültig; , die moderne Psychologie hat sie ohnehin widerlegt. Sollte sie aber trotzdem, wiedererscheinen, so werde ich mich schön hüten, ihr abermals zu erlauben, Hinge zu erzeugen, an denen die anderen draußen Gefallen finden und die sie sich aneignen; das würde mir das „differenzierende Kriterium" rauben, mein individuelles Sonderdasein aufheben, mich mit den anderen vermischen. Ich werde streng darauf achten, für wich allein zu leben; iH werde nur Dinge Hervorbringen, die mir allein nützen, mir allein Freude machen, aber bei den anderen draußen .keine Anerkennung und kein Verständnis finden. Ebenso werde ich eifrig darauf bedacht sein, von keinem anderen etwas zu entlehnen, ich darf mit keinem fremden Erzeugnis in'Berührung kommen, sonst droht mir Verfälschung und Vernichtung meiner Individualität. Unvermijcht will ich durch das Leben einherstolzieren, mit der neuen Form, ohne den alten Inhalt, mit dem neuen Leib, ohne die alte Seele, und werde immer behaupten, ich sei derselbe wie seit Jahren, werde nur noch erhöhten Kredit und größere Achtung heischen; denn meine neue „Form" ist unvergänglich, mein neues „differenziertes Kriterium" ist über allen Zweifel-erhaben, unanfechtbar. ... - Man sieht, es ist die Geschichte von dem Messer ohne Stiel, an dem die Klinge fehlt.