Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 4 (April 1919)
- Article
- Die Flucht aus der Wirklichkeit
- Date
- 1919-04-01
- Page
- 148 (sequence 4)
- Language
- German
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148 Im deutschen Reich im Grunde nie die Stütze unseres „nationalen Daseins" gewesen, und jetzt, da der-moderne Geist ihn ins Wanken gebracht hat, eignet er sich erst recht nicht dazu. Bleibt also nur die „Form", das Gesetz. Ueberhaupt ersahren wir, daß im Völkerleben der. Inhalt nichts, die Form alles bedeutet. Die Form allein ist das „differenzierende Kriterium", das die Nationen kenntlich macht, also ihr Wesen bestimmt. Das will uns freilich schwer einleuchten. Eine Form ohne Inhalt ist eine begriffliche Abstraktion, und es ist unfaßlich, wie ein solches Gebilde in dem schweren Wirklichleckskampfe zwischen den Völkern standzuhalten vermöchte. Aber dem ist dennoch so. Das „Gesetz", welches als unsere Form angesprochen wird, war es allein, was unser „nationales Dasein" in der Diaspora erhalten hat. Nun zerfällt aber das Gesetz vor unseren Augen in Staub und Asche, noch ein Weilchen, und es ist vom Erdboden verschwunden. Das Gesetz hat feine Kraft eingebüßt, „der Schulchan Aruch hat seine Geltung verloren". Wir stehen also in der Welt ohne Stütze da für unser „nationales Dasein" — (und wissen noch .nicht einmal, worin dieses eigentlich bestehe!). Was bleibt uns also übrig, als uns nach neuen Stützen umzusehen? Wir greifen um zwei Jahrtausende zurück und erwerben uns von neuem .hie-alte Form: das Vaterland in Palästina und das Hebräische als. Volkssprache. Wir schaffen uns ein „außerreligiöses Judentum". Dann führen wir ein „normales, völkisches. Dasein", gleich den. anderen Nationen ringsherum, unser „nationales Dasein" ruht wieder, wie ehemals, auf den beiden unvergänglichen, unverwüstlichen, allen Stürmen der Zeit Trotz bietenden „Stützen": dem eigenen Land und der eigenen Sprache. Wir brauchen den Untergang, den unvermeidlichen, nicht mehr zu Fürchten. Eines schönen Morgens erwache ich und bemerke mit Entsetzen, daß ich tot bin. Wie ich schon aus -der Fibel weiß, bestehe ich aus Leib und Seele, modern gesprochen: aus Form und Inhalt. Aber meine Seele ist hin; teils hat die moderne Psychologie sie widerlegt, teils ist sie hinausgeflohen und hat sich draußen mit anderen Seelen vermählt und vermischt. Ich bin nämlich nicht ein gewöhnlicher Broteffer, der nur für seine persönlichen Bedürfnisse arbeitet; ich habe Fähigkeit und Kraft genug, Dinge zu schaffen, die auch anderen Menschen zur Freude und zum Nutzen gereichen, die anderen haben sich diese Dinge angeeignet, sie wohl auch verunstaltet und gar mißbraucht; oft haben sie mir, wie-dies im Leben häufig vorkommt, mit Undank gelohnt. Aber trotzdem hielt ich meine Seele für das Wesentliche an mir, und diese ihre Schöpfungen, oder Inhalte, schätzte ich als mein Höchstes, das meinem Leben Wert und Weihe verlieh. Aber das war ein Irrtum. Gerade daß die