Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1919-04-01 · Heft 4 (April 1919) · p. 147

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
25 (1919)
Issue
Heft 4 (April 1919)
Article
Die Flucht aus der Wirklichkeit
Date
1919-04-01
Page
147 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2316602-2316888-2316892-2355478--29672-2355570
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Die Flucht aus der Wirklichkeit" 147 Deutschen — ach, sagen wir schon lieber, wie die Slowaken, die Litauer, die Wenden, die Albanier, oder die anderen interessanten Nationen, die in letzter Zeit entdeckt wurden. Wir sind eine Nation, nur haben wir die beiden entscheidenden Attribute einer solchen, die gesprochene Nationalsprache und das gemeinsame Territorium, bereits vor 2000 Jahren oder schon früher eingebüßt. Diese wieder zu erlangen, muß unser einziges Trachten sein. Sonst droht uns völliger Untergang. Wer daran zweifelt, ist ein Abtrünniger, ein „Assimilant", ein Feind des jüdischen Volkes- Vollends eine Blasphemie wäre es, zu meinen, wir seien eine Religionsgemeinschaft. Das hieße, uns unserer Würde entkleiden, uns degradieren, und obendrein der geschichtlichen Wirklichkeit ins Gesicht schlafen. Freilich gibt es nebenbei eine jüdische Religion — eine gewaltige, weltgeschichtliche Tatsache; wer sich außerhalb dieser Religion stellt, bewußt alle Bande zerreißt, die ihn mit ihr und allen ihren Ausstrahlungen verbinden, hat ausgehört Jude zu sein; solange er dies aber nicht getan, gilt er uns als Jude. Das war so seit 2000 Jahren und schon vorher. Aber das alles tut nichts zur Sache. Die jüdische Religion ist nämlich nur ein Nebending, eine „Stütze unseres nationalen Daseins" auf Erden. Dieses letztere aber ist m wesentlichen etwas ganz anderes. Was? Das erfahren wir aus dem ganzen Buche nicht. Gleichviel, wir haben ein „nationales Dasein", welchem die jüdische Religion seit 2000 Jahren und mehr als Stütze gedient hat. Nun könnte man meinen, wir dürften der jüdischen Religion die Funktion einer Stütze unseres „nationalen Daseins", in der sie sich zwei Jahrtausende lang gar nicht schlecht bewährt hat, auch für die nächsten zwei Jahrtausende getrost anvertrauen. Aber das wäre weit gefehlt. Es ist nämlich inzwischen eine Tatsache eingetreten, die diese Zuversicht zunichte macht: D i e j ü d i s ch e R e l i g i o n i st gestorben! Unsere Religion besteht nämlich aus zwei Elementen: der Lehre und dem Gesetz; erstere kann man als die Seele bezeichnen, letztere als den Leib, oder, wie es der Verfasser tut, als den Inhalt und die Form. Nun ist die Seele längst entflohen, teils ist sie von der fortschreitenden Wisienschaft vernichtet worden, teils ist sie von uns hinausgegangen und hat sich über die ganze Welt verbreitet, ist Gemeingut der ganzen gesitteten Menschheit geworden. Sie ist also nicht mehr unser ausschließliches Eigentum, das war sie eigentlich nie, denn sie gehört zu jenen Schöpfungen, die von Haus aus dazu bestimmt sind, Gemeingut aller Nationen zu werden. Der „Geist des Judentums", das Judentum als Weltanschauung, als „Inhalt", ist also

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.