Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 3 (März 1919)
- Article
- [Ohne Titel] / J. Sch.
- Date
- 1919-03-01
- Page
- 119 (sequence 7)
- Language
- German
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Umschau 119 fere Spur zu hinterlassen. Aber wenn hinter der Rede eine starke Persönlichkeit steht, ein bezwingendes Ethos, ein aus Tiefen grollender Zorn, eine Gebirgsquellen gleich herausbrechende Begeisterung — dann kann die Rede eine Tat sein. Solche Reden fehlten im Theatersaal der Nationalversammlung. Nur Friedrich Naumann hob am 13. Februar die Sitzung auf eine Höhe, auf der man das Stimmengewirr der Ebene nicht hörte und sich in die Erhabenheit und reine Luft von Berggipfeln versetzt fühlte. Auch die ungemein zahlreichen Fraktionssitzungen, das Hin- und Hergeschiebe der Kandidaten für die Ministerstellen, das geschäftige Treiben hinter der öffentlichen Bühne, verhinderten, daß eine ungehemmte Hochstimmung aufkam. Und der Enge des Horizonts entsprach die Enge des Raumes, der örtlichen Verhältnisse, die Unzulänglichkeit der technischen Hilfsmittel. Auch in Frankfurt a. M. war die Not in dieser Richtung groß. Während in Weimar die Fraktionen zu ihren Besprechungen in Hotel- und Gasthofzimmer flüchten mußten, waren die Teilnehmer in der Paulskirche sogar gezwungen, zu schleunigen Besprechungen vor das Tor der Kirche zu treten, öffentlich unter freiem Himmel, auch bei strömendem Regen, interne Beratungen zu pflegen. Trotzdem dort ein Flügelrauschen geistiger Größe, in Weimar das nützliche Klappern einer Mühle. Aber die Hauptsache: Die Nationalversammlung möge das Fundament des neuen deutschen Reiches fest und solide errichten, so daß sich das Gebäude eines Einheitsstaates darauf errichten lassen kann, über dessen Portal die Inschrift steht: Gleichheit und Freiheit aller! Den Anschluß Deutsch-Oesterreichs an die deutsche Republik wünschen — das haben die Verhandlungen in der Nationalversammlung gezeigt — alle Parteien Deutschlands. Um so aufmerksamer müssen wir von nun an das Treiben der dortigen Antisemiten, hauptsächlich derChristlich-Sozialen, verfolgen. Der Antisemitismus in Oesterreich tritt noch skrupelloser und schimpfseliger auf als bei uns und ist um so abstoßender und gefährlicher, als er sich klerikal drapiert. Wir haben in unserer Zeitschrift wiederholt auf das unedle Treiben der „Reichspost" hingewiesen, die ihrem Leserkreis die stärksten antisemitischen Gifte kredenzt, obgleich sie zugleich das Organ des Wiener Erzbischofs ist. Wie der österreichische Antisemitismus arbeitet, davon sei hier abermals eine kleine Probe gegeben: In einer Broschüre zu antisemitischen Wahlzweckeu wurde in blasphemischer Weise zu Judenpogromen als einer gottgefälligen Handlung ausgefordert. „Es ist unmöglich," so heißt es dort, ..alle Verbrechen, welche die Juden gegen Gott und die Menschen begangen