Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 3 (März 1919)
- Article
- [Ohne Titel] / J. Sch.
- Date
- 1919-03-01
- Page
- 115 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau 115 schütterlich zu ragen schien, würde ein König mit antisemitischen Bekenntnissen sich selbst in den Staub des politischen Kampfplatzes begeben und seine Würde ihres erhabenen Gewandes entkleidet haben. Er stände nackt als Parteimann da, eine Scheibe für unehrerbietige Geschosse; nicht als unparteiischer Vater des gesamten Volkes. Jetzt aber, nach dem Sturz der Hohenzollern, ihre in absehbarer Zeit nicht realisierbare Wiedereinsetzung verlangen (sogar von einem „reumütigen" Volke) und in demselben Atenizug gegen tüchtige, unbescholtene, pflichteifrige und opferfreudige, für den Aufbau Deutschlands notwendige deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens zum Kampf aufrusen, noch dazu in einer Zeit/ die endlich die Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, verwirklichen will — das kann nur ein Mann von beschränktem Intellekt tun. Als Wilhelm II. noch Prinz war, gelang es den antisemitischen Reaktionären, ihn einzufangen, man denke an die Waldersecversammlung. Man spielte ihn gegen seinen Vater, den unparteiischen und judenfreundlichen Kronprinzen und späteren Kaiser Friedrich III., aus. Aber kaum saß die Krone auf seinem jugendlichen Haupte, kaum fühlte er die Bürde der Verantwortung, da fiel auch der letzte antisemitische Flicken aus seinem Kleid. Die ihn früher umjubelt hatten, weil sie ihn ihren Zwecken dienstbar glaubten, wurden kühler, und als der neue Kronprinz heranwuchs, wiederholte sich das frühere Spiel, daß die Antisemiten den jungen Friedrich Wilhelm gegen den Vater als Trumpf benutzten. Wilhelm II. war kein Antisemit. Dafür spricht sein Verkehr mit Juden, dafür sprechen die Angriffe von Antisemiten, die ihn wiederholt, wenn auch fälschlich, den Judenkaiser nannten. Wir dürfen annehmen, daß der ehemalige Kaiser von der antisemitischen Auslassung seines Bruders aufs peinlichste berührt sein wird. Daß der Prinz gerade in Hamburg, der Stadt des kaiserlichen Freundes, des Juden Ballin, den Wunsch nach Beseitigung semitischen Einflusses veröffentlichen ließ, ist ein ganz besonderer Mangel an Umsicht und Takt. Das Hohenzollerngeschlecht hat bedeutende, hat auch geniale Mitglieder hervorgebracht, aber auch weniger Fähige und Nullen. Zu den Nullen gehört der Bruder des früheren Kaisers, der an der Spitze der Marine stand, den stolzen Titel eines Großadmirals führte, aber keinen Einfluß auf Ausbau und Gestaltung unserer Kriegsflotte ausüben durfte. Der wurde mit Recht denen übertragen, die die erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten besaßen. Als der Krieg ausbrach, der kein bloßes Paradieren mit prunkenden Uniformen litt, in dem jeder kleine Fehler unabsehbare Folgen nach sich ziehen konnte, wurde Prinz Heinrich ganz hinter die Kulissen geschoben. Auf der Wcltbühne durfte