Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 3 (März 1919)
- Article
- Zur Frage eines jüdischen Kongresses in Deutschland
- Date
- 1919-03-01
- Page
- 100 (sequence 4)
- Language
- German
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100 Im deutschen Reich wird den in der deutschen Judenheit liegenden Reichtum an geistiger Kraft, an jüdischer Betätigung und jüdischem Gemeinsinn niemals missen können und wollen. Dann aber muß mit Nachdruck, daraus hingewiesen werden, daß der Nachweis, daß alle Juden der Welt das jüdische Volk anerkannt haben, noch keineswegs geführt ist. Die Ostjuden, deren eigenartige Struktur als Massensiedlung eine andere Anschauungsweise bedingt, wollen wir hier außerhalb unserer Betrachtung lassen, obgleich auch hier die sogenannten „assimilatorischen" Bestrebungen keineswegs ganz zum Schweigen gebracht sind. Was aber haben wir denn von den Weftjuden erfahren, das berechtigt, von einer Einigung derselben auf den Begriff „Jüdisches Volk" zu sprechen? Gelegentliche Aeußerungen prominenter Juden, wie etwa des Lord Rothschild, beweisen gar nichts. Gerade die Zionisten, welche die Notabeln-Politik in Grund und Boden verdammen, wenn sie antizionistisch ist, sollen sie nicht wieder einführen wollen, wenn sich einmal die Stimme vereinzelter hervorragender Juden für sie erhebt. Viel stärker spricht doch die Tatsache, daß der amerikanische Kongreß in seiner Palästinaresolution das Wort „jüdisches Volk" (people) sorglich vermieden und dafür den farblosen Ausdruck „jüdische Gemeinschaft" (common wealth) gesetzt hat. Und ein ganz besonders gewichtiges Argument wird gewöhnlich ganz mit Stillschweigen übergangen, nämlich die Tatsache, daß die Juden der Entente sich nicht dafür eingesetzt haben, aus dem jetzt stattfindenden Pariser Kongreß die deutschen Juden als Mitvertreter des jüdischen Volkes zu empfangen, während doch z. B. deutsche Polen dort ihr gewichtiges Wort mitgesprochen haben. Würden die Entente-Juden von der Einheit des jüdischen Volkes überzeugt sein, so hätten sie den deutschen Juden nicht das Schicksal ihrer christlichen Staatsgenossen bereitet, den entscheidenden Verhandlungen in Paris fernbleiben zu müssen und sich in der wichtigsten (nach ihrer Meinung wichtigsten) jüdischen Frage vor eine vollendete Tatsache stellen zu lassen. Der naheliegende politische Grund hierfür ist sicher der, daß England mit der Förderung des Palästinaprogramms nur seine Geschäfte besorgt und hierbei eine Hinzuziehung deutscher Juden, selbst deutscher Zionisten sorglich vermeiden will. Nun zum zweiten Punkt! Unterstellen wir einmal, was noch gar nicht feststeht, daß der Begriff des jüdischen Volkes von der Weltdiplomatie anerkannt werden wird. Auch dieses Anerkenntnis würde die deutschen Juden zu nichts zwingen und zu .nichts verpflichten. Außerjüdische Kräfte, die zu weltpolitischen Zwecken, gewiß aber nicht um des Judentums willen, den Begriff eines jüdischen Volkes als neuen terrninus tscbnlcus des diplomatischen Sprachgebrauchs prägen, sind nun und nimmer in