Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1919)
- Article
- Nationaljüdischer Radikalismus
- Date
- 1919-02-01
- Page
- 59 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316888-2316890-2355197--29466-2355279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Rationaljüdijcher SlabiMiämuS 59 nießen gern die unendlichen Vorteile seines Lebens, erfreuen sich an seiner Kunst, lernen durch seine Wissenschaft, wandern durch seine stille Schönheit. Was hätten sie auch sonst? Die hebräische und jüdische Kultur steht weit im Felde! Selbst in Palästina ist sie ein zweifelhafter Wechsel auf eine zweifelhafte Zukunft. Denn daß England in den Ländern, die es unterwirft, eine andere als eine englische, vielleicht mit landesüblichen Aeußerlichkeiten aufgeputzte Kultur duldet, wird ein ernsthafter Kenner der Geschichte nicht behaupten. Und selbst, wenn sich die überschwenglichsten Hoffnungen der Nationaljuden erfüllen, das Diasporaproblem bleibt! Eine jüdische Kultur in den Niederlassungsländern ist aber, so viel und so geistreich auch darüber in nationaljüdischen Blattern diskutiert wird, eine Unmöglichkeit, falls sie nicht — wie in Polen — in einem durch Gewalt erzwungenen Ghetto wurzelt. Gleichberechtigung, die ja jeder erstrebt, führt ganz mechanisch die K u l t u r a s sim i l a t io n herbei! Darum sind alle Versuche des Kulturzionismus, Juden außerhalb Palästinas ihrer Kultur zu entfremden, eine große s eeli s ch e Gefahr. Sie beschwören jene Wurzellosigkeit und Dekadenz herauf, die Herr Kurt Blumenfeld feinen Glaubensbrüdern andichtet, die wir bisher nur dort zu beobachten Gelegenheit hatten, wo das jüdische religiöse Ideal geschwunden war. Gelingt eine solche Entfremdung, so ist natürlich der Jude wertlos geworden. Die starken Kräfte des Burgers entspringen seiner Bodenständigkeit: nur solange sie ihn mit Liebe und zähem Arbeitswillen erfüllt, ist er ein nützliches Glied, nur solange hat auch der Staat ein Interesse a n i h m. Und darin besteht die allergrößte Gefahr! Man braucht keineswegs, wie den nichtzionistischen Juden so häufig vorgeworfen wird, hypnotisiert nach dem Antisemitismus zu starren, um zu erkennen, daß jede Ausbreitung der hier gebrandmarkten Stimmungen und Tendenzen die G I e i ch b s r e ch t i g u n g untergräbt. Der Staat wird nur solchen Bürgern Gleichberechtigung gewähren wollen, die innerlich in seinen Aufgaben aufgehen, die an seiner Zukunft, da sie auch die ihre ist, lebendigen Anteil haben. Solche aber, die nach dem Rezepte des Herrn Cohn sich für fremd erklären und nur Mitarbeiten, wenn es jüdische Interessen zu vertreten gilt, werden, sofern sie ehrlich sind, sich gar nicht beschwert fühlen können, wenn man ihnen die Gleichberechtigung entzieht. Sie, die gewissermaßen Deutsche „aus Kündigung" sind, dürften sich kaum darüber beklagen, wenn der Deutsche die Geduld verlöre und seinerseits die Kündigung ausspräche. Man darf diese