Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1919)
- Article
- Nationaljüdischer Radikalismus
- Date
- 1919-02-01
- Page
- 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2316602-2316888-2316890-2355197--29463-2355276- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
56 Im deutschen Reich die Juden, deren Folgen in diesen Zeiten politischer Erregung unabsehbar sind, der auch die leitenden Stellen nicht mit der notwendigen Energie entgegentreten. Deutlich offenbart sich, daß man wieder einmal den beliebten Versuch macht, den Juden als Sündenbock vorzuschicken und die Wut des Volkes über die Vergehen anderer auf ihn abzuwälzen. Daß die Situation also dazu angetan ist, den Juden zu verbittern, leuchtet ein. In wundervoller Uneigennützigkeit hat er sich für sein Vaterland geopfert, Tausende sind auf den Schlachtfeldern gefallen, Tausende haben sich in schwerer Mühe hohe Auszeichnungen errungen, die man ihnen gewiß nicht leicht zuerkannt hat, in der Wohlfahrtspflege und im vaterländischen Heimatsdienst haben sie sich glänzend bewährt, — um nun als Lohn den gemeinsten Judenhaß und seine Aeußerungen zu erfahren! Kann es wundernehmen, daß wir zornig sind? Wir sprechen es offen aus, daß wir uns allesamt gekränkt und mißhandelt fühlen und es schwer tragen, wenn wir so vielen Mächten des Hasses im schärfsten Kampf entgegentreten müssen. So begreiflich es also ist, daß die deutsche Judenheit Grund zur ernsten Klage hat, so selbstverständlich ist es freilich auch, daß diese Unzufriedenheit uns nicht gleichgültig oder gar zu Gegnern des Vaterlandes machen darf. Nun ist ja an sich der Kreis derer, die sich solchen Stimmungen hingeben, nicht groß. Die Zahl der eingeschriebenen Zionisten, zu denen auch viele Mitläufer gehören, erreicht nur eine bescheidene Höhe, und eine Volksbewegung ist der Zionismus bei uns noch lange nicht. Ein recht erhebliches Kontingent stellen noch dazu in Deutschland wohnhafte Ausländer, die den Rechtsschutz Deutschlands und seine Kulturgüter genießen. Und wenn wir deutschen Juden uns auch ganz gewiß durch Religion, Abstammung, Geschichte und gemeinsame Leiden mit den Juden aller Welt verbunden fühlen, wenn wir auch ohne Bedenken ihnen gegenüber jederzeit unsere jüdische Bruderpflicht freudig erfüllt haben und erfüllen werden, unsere .vaterländischen Gefühle werden wir uns von ihnen nie nnd nimmer vorschreiben lassen. Hierzu kommt noch, daß die ablehnende Stellung zur deutschen Kultur keineswegs eine notwendige Folge zionistischen Denkens ist, und daß ein großer Teil der Anhänger der Partei, besonders wenn ihnen das Problem in aller Klarheit aufgeht, kulturell wie politisch gut deutsch empfindet und handelt. So sind es tatsächlich nur sehr wenige unter den deutschen Glaubensgenossen, auf die der Vorwurf zutrifst. Und doch stellen sie eine ganz erhebliche Gefahr dar für die Stellung der deutschen Juden!