Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1919)
- Article
- Nationaljüdischer Radikalismus
- Date
- 1919-02-01
- Page
- 55 (sequence 7)
- Language
- German
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Nationaljüdischer Radikalismus 55 Opfer der zionistischen Agitation, und er ist ein klassisches Schulbeispiel, wohin bei folgerichtigem Denken die nationaljüdische Theorie führen muß. Aber auf der einen Seite scheint man im national-jüdischen Lager angesichts des angerichteten Unheils es mit der Angst bekommen zu haben, auf der anderen scheint es doch noch Kreise zu geben, die sich dem radikalen Terrorismus nicht ganz gebeugt haben. Während die „Jüdische Rundschau" den Artikel mit natürlicher Selbstverständlichkeit abdruckte, ohne durch irgendeine Bemerkung zu erkennen zu geben, daß man anderer Meinung sein könne, dachte man in besonnenen zionistischen Kreisen erfreulicherweise anders. Die geduldige, nichtzionistische Judenheit Deutschlands freilich schwieg, außer daß Dr. Paul Nathan im „Berl. Tagebl." in klarer und scharfer Replik ihren-Standpunkt währte. Aber die „Jüdische Rundschau", die nach ihrer eigenen Angabe aus ihren Kreisen eine Fülle von Zuschriften erhielt, sah sich gezwungen, einen abschwächenden Artikel zu bringen, und aus dem Delegiertentage der zionistischen Vereinigung ist dagegen Stellung genommen worden. Man hat freilich den Eindruck, als ob erst der entstehende Sturm dieses Abrücken verursacht hätte, denn es wäre merkwürdig, daß eine ernsthafte Zeitung ohne jede einschränkende Bemerkung Meinungen abdrucken sollte, die nicht die ihren sind. Nicht daß solche Stimmen sich vernehmen lassen, ist erstaunlich. Fanatische Eigenbrötler hat es zu jeder Zeit ebenso gegeben wie kurzsichtige Politiker, und mit den Herren Klatzkin und' Cohn braucht man nicht zu rechten. Ausfallen muß aber etwas anderes. Daß sie einen Widerhall finden bei einer Jugend, die trotz mancher bedenklicher Erscheinungen doch im Grunde gesund denkt und einen geraden Weg vor sich sieht, könnte zunächst seltsam anmuten, wenn nicht die durch den Krieg geschaffene eigentümliche Lage in Betracht gezogen werden müßte. Historische Ereignisse sind eben eingetreten, die bei aller angebrachten Skepsis in der Beurteilung doch zum mindesten verblüffend wirken. England hat sein judensreundliches Herz entdeckt, und hat den Juden Palästina versprochen. Da nun Deutschland — das kaiserliche wie das republikanische — ähnliche Versprechungen nicht gemacht hat, ist sein Ansehen bei den Zionisten etwas im Kurse gesunken. Hierzu kommt noch — und die ersten Zeiten der republikanischen Freiheit haben ganz gewiß auch nicht das geringste daran geändert —, daß Deutschland nach der russischen Revolution das einzige Kulturland der Erde ist, mit Ausnahme von Oesterreich, Rumänien und Polen, in welchem der Antisemitismus eine immer stärker werdende Macht darstellt. Die unglückseligeJudenzählungbrenntnoch immer wie ein Wundmal, und die Alldeutschen betreiben eine Hetze gegen