Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1919)
- Article
- Gefängnispfarrer und Rabbiner
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 21 (sequence 4)
- Language
- German
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Gefängnispfarrer und Rabbiner 21 Wahrlich, ich bewundere nicht den Mut eines Geistlichen, der sich in dieser Zeit nichts Besseres weiß als gegen die Juden zu eifern, anstatt die Welt von der christlichen Nächstenliebe zu überzeugen, wo wir allen Anlaß haben, gemeinsam für die Ehre Gottes und den Frieden unter den Menschen zu arbeiten und die Wunden zu heilen, die dieser Krieg der Menschheit geschlagen hat und noch immer schlägt. Sollten Sie es aber nichtsdestoweniger für Ihre Aufgabe halten, „bei jeder sich Ihnen darbietenden Gelegenheit gegen den die Sittlichkeit des deutschen evangelischen Volkes zersetzenden Einslutz des Judentums anzukümpsen", dann verlange ich nur eins: daß Sie es, wie es deutsche Art sein soll, öffentlich tun und nicht im geheimen, in Abwesenheit der Angegriffenen, hinter den geschlossenen Türen eines Schulzimmers. Und dann mögen Sie darauf rechnen, mich aus dem Platze zu finden, der ich als deutscher jüdischer Rabbiner es stets als meine Aufgabe betrachten werde, den nichtswürdigen Antisemitismus, diese Pest in unserem deutschen Vaterlande, diesen Krebsschaden an unseren! deutschen Volke, der schon die Schulen verseucht und die Jugend vergiftet, zu bekämpfen, wo und wie ich nur immer vermag. Auch die „2feuLs ch-völkischen Blatte r" bemächtigten sich, jedenfalls auf Grund von Informationen durch Gefängnispfarr-er Schmidt, der Angelegenheit und .suchten die Darlegungen des Herrn Schmidt als selSftverstündlichs Behauptungen hinzustellen. — Da Gefängnispfnrrer Schmidt, wie aus seiner Antwort zu ersehen ist, keine Aufklärung gegeben hat, ergriff Herr Rabbiner i)r. Jacob die in seinem Schreiben angedeuteten Schritte, indem er sich nunmehr an das Provinz ial-Schulkollegi um in Münster mit einer Beschwerde wandte. Die Beschwerde war datiert vom 25. Juni, die Antwort lief am 1. Oktober ein; sie lautete: „Der Gesängnispfarrer Schmidt hat nur vorübergehend und vertretungsweise den evangelischen Religionsunterricht in einzelnen Klassen der dortigen Oberrealschule übernommen; er hat diese Beschäftigung mit dem 1. Oktober b. I. aus eigenem Antrieb aufgegeben. Da er somit aus unserem Amtsbereich ausgeschieden ist, erübrigt es sich f ü r uns, ein Weiteres in der von Ihnen angeregten Beschwerde zu veranlassen; wir bemerken jedoch, daß wir es nicht billigen können, wenn politische oder soziale Verhältnisse der Gegenwart im Schulunterricht von einem parteilichen Standpunkt aus zur Durchnahme und Besprechung gebracht werden." (Unterschrift.) Herr Rabbiner Dt. Jacob beantwortete diesen seltsam verspäteten Bescheid mit folgender Erwiderung: „Rabbinat der Synagogen-Gemeinde. Dortmund, den 11. Oktober 1918. An das Kgl. Provinrialschulkolleqium, M ü n st e r. Von dem Bescheide vom 1. Oktober aus unsere Beschwerde vom 25. Juni d. I. bedauern wir, uns nicht befriedigt erklären zu können. Daß der Gesängnispfarrer Schmidt nur vorübergehend und vertretungsweise den evangelischen Religionsunterricht erteilt hat, wußten wir und hatten es selbst angeführt. Mit der Oberrealschule, von der der Bescheid spricht, hat unsere Sache überhaupt nichts zu tun, sondern es handelt sich, wie wir gleichfalls zu bemerken nicht verfehlt haben, um das Bismarck-Realgymnasium.