Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1919)
- Article
- Gefängnispfarrer und Rabbiner
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 20 (sequence 3)
- Language
- German
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20 Im deutschen Reich unser Vaterland in nicht geringerem Matze als unsere christlichen Volksgenossen getan. Wenn zum Beispiel, um von allem anderen zu schweigen, von meiner Gemeinde nach meiner Feststellung etwa. 2 vom Hundert ihrer Seelenzahl gefallen sind, obgleich sich zu Anfang des Krieges lein einziger Offizier unter ihnen befand, so gibt es keine Worte für eine Gesinnung, welche f ü r solche Opfer n u r S ch rn Übungen 1] at Die der pr-eutzisch-deutsch-germanischon Weltanschauung vom Judentum drohende Gefahr — sein die Sittlichkeit des deutsch-evangelischen Volkes zerfetzender Einfluß, seine im Jahre 1918 zu so grauenhafter Höhe gestiegene Macht, die sich sogar an einen deutsch-evangelischen Pfarrer wagt, sind die sattsam bekannten antisemitischen Lira den, die dadurch nichts an ihrer Sinnlosigkeit verlieren, daß dieser deutsch-evangelische Pfarrer sie sich zu eigen macht. Wenn Sie sich für die Sittlichkeit des deutsch-evangelischen Volkes ereifern wollen, so kann es Ihnen in dieser Zeit wahrlich nicht an Gelegenheit bei Ihren Glaubensgenossen fehlen. Da haben Sie zum Beispiel den schamlosen Wucher selbst mit den notwendigsten Lebensmitteln, die schrankenlose Profitgier, die Verwilderung der Jugend, den Sinnentaumel und die Vergnügungssucht angesichts des größten Elends, die Selbstsucht und Begehrlichkeit, die Zerrüttung aller Moral und Achtung vor dem Gesetz,, lauter Gebrechen, von denen Ihre deutsch-evangelischen Glaubensgenossen sicherlich nicht gänzlich frei sind. Aber ich kann Ihnen noch ein anderes, noch näherliegendes, ebenso ausgedehntes und dankbares Feld nennen. Eie sind G e f ä n g n i s - Pfarrer. Welch ein herrliches Feld, die Sittlichkeit des deutsch-evangelischen Volkes zu heben! Das hiesige Gefängnis, und es ist nur eines unter tausend, ist jahraus, jahrein mit Verbrechern jeder erdenklichen Art gefüllt. Du gibt es Diebe und Hehler, Einbrecher und Betrüger. Räuber und Mörder, bis hinab zu den schwärzesten Abgründen widernatürlicher Lasterhaftigkeit. Diese Gesellschaft besteht in überwältigender Mebrheit aus getauften Christen, so daß aus diesem Grunde eben in Ihrer Person ein eigener Gesänanispsarrer eingestellt werden mußte, während ich, der jüdische Rabbiner, wie Sie wissen, verhältnismäßig nur selten dort meines Amtes zu walten habe. Also: Me Khochis, liic salta! Zu deutsch: hier, Herr Gesängnispsarrer, arbeiten Sie für die Verbesserung der deutsch-evangelischen Sittlichkeit! Meine jüdischen Glaubensgenossen können Sie getrost mir überlassen. Sie haben vor Ihrer eigenen Tür genug zu fegen. Sie berufen sich — und damit komme ich auf Ihre Schlutzfrage — aus die israelitische n Propheten. Daß deren Strasreden ein Beweis für die Schlechtigkeit ihres Volkes seien, ist ja ein altes, aber nicht minder gedankenloses Argument. Es ist wahr, alle Propheten haben die Fehler ihres Volkes mit schonungsloser Schürfe gegeißelt; aber gerade diese Reden sind das glänzendste Zeugnis für den sittlichen Kern Israels. Nämlich der Umstand, daß sie überhaupt -noch vorhanden sind, daß das Judentum es war, das sie, anstatt sie gründlich zu beseitigen, erhalten hat und als einen seiner kostbarsten Schätze bewahrt, daß also Israel, die Schriften derjenigen Männer, die seine Fehler am unbarmherzigsten gestraft haben, zu seinen heiligen Schriften gestempelt hat. Ob freilich Ihre preußisch-deutsch-germanische Weltanschauung für solche sittliche Größe Verständnis hat, muH ich füglich bezweifeln. Die kanonischen Propheten und Heiligen dieser Weltanschauung sind vielmehr die Schmeichler, nach denen das eigene Volt nur Vorzüge und Tugenden hat, daher ihm allein die Weltherrschaft gebühre. Selbst die Untugenden sind nur verkappte Tugenden oder liebenswürdige Schwächen oder Folgen teuflischer Verführung, natürlich jüdischer.