Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1919)
- Article
- Die "Schuld" der Juden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 10 (sequence 10)
- Language
- German
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16 Im deutschen Reich Weshalb wird auf der andern Sette verschwiegen, welche positiven Leistungen jüdische Deutsche im Weltkrieg vollbracht haben, die so umfassend, so wesentlich und für das Durchhalten so wichtig gewesen sind, daß sie allein schon die antisemitischen Schreihälse, die für Deutschland nichts geleistet, aber die Luft mit Schimpfwellen in Bewegung gesetzt haben, zum Schweigen bringen müßten? Diese Leistungen — abgesehen von den militärischen Opfern — auf dem Gebiete der Technik, der Landwirtschaft, der Chemie, der Heilkunde, der Industrie im einzelnen unter Namensnennung aufzuführen, würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen. Wir verweisen auf das empfehlenswerte kleine Büchlein „Die deutschen Juden im Weltkrieg" von Kar! Hilmar (Selbstverlag des Verfassers, W. 53, Flottwellstraße 7. Preis Mk. 0,50). Weshalb wird das alles verschwiegen, dagegen das andere in bewußter Entstellung fortgesetzt zur Hetzerei und zu Pogromaufforderungen verwendet? Weil die Schuldbeladenen, die Mitverantwortlichen für den Krieg, die Alleinverantwortlichen für die Verlängerung des Blutvergießens, die großen Kriegsgewinner, die Verschärfer der Lebensmittelteuerung, die Gegner jeder freiheitlichen Entwicklung, die sogar als Monarchisten vor Angriffen aus den ehemaligen Kaiser nicht zurückschreckten, als er das Reichstagswahlrecht für Preußen versprach, weil die Gegner notwendiger Volksrechte, deren Nichtbewilligung zu Ausruhr führen mußte, weil die Befürworter des Jndustriekapitalismus und der Zusammenballung des Großgrundbesitzes (man denke an die Fideikommiß-Vorlage während des Krieges), weil die bisherigen Anwärter auf alle höheren Beamtenposten und Osfiziersstellen, also die Schuldigen für die Fehler dieser Beamtenkategorien, weil die Befürworter höherer Zölle und Preise einen Sündenbock brauchen und die Wut des Volkes über die entsetzlichen Folgen des Krieges, des militärischen und wirtschaftlichen Zusammenbruchs aüs die Juden ablenken wollen. Am liebsten sähen sie Pogrome, ein völliges Tohuwabohu, ein gegenseit'' es Sichzerfleischen, nur damit man darüber sie und ihre Sünden vergesse, und sie, je wüster und toller es bei uns wird, um so lauter rufen können: Unter dem alten Regime war es doch besser! Die antisemitischen Flugblätter und die gegenrevolutionären Bestrebungen wachsen nämlich aus ein und demselben Boden. Jeder wahrhafte Deutsche, jeder wahrhaft anständige Mensch wird nach dem Grundsatz verfahren: Die Schädlinge sind zu bekämpfen, zu verfolgen, zu bestrafen, wo immer man sie auch finde, ob oben oder unten, ob bei Juden oder Christen.