Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1919)
- Article
- Die "Schuld" der Juden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 9 (sequence 9)
- Language
- German
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Die „Schuld" der Juden g Die Revolution soll von Juden gemacht sein. Es gab allerdings unter denen, die die Revolution vorbereitet und geleitet haben, auch Juden. Wenn ihre Zahl mehr als ein Prozent ausmacht und das Verlangen der antisemitischen Hanswürste an die Juden, überall nur zu einem Prozent vertreten sein zu dürfen, unberücksichtigt läßt, so liegt die Erklärung nahe genug. Den Juden war fortgesetzt die verfassungsmäßige Gleichberechtigung verweigert worden. Man hat sie im eigenen Vaterlande geschmäht und beschmutzt. Man hat sie, während sie Blut- und Gutopfer brachten, als Nichtdeutsche, als Gastvolk bezeichnet und sogar gefordert, sie unter Fremdenrecht zu stellen. Trotzdem ist es eine bewußte Unwahrheit, daß die Revolution von Juden gemacht wurde und eine Judenherrschast herbeigeführt habe. Und welche demagogische Flunkerei liegt in dem Sprüchlein: Vergebens spähest du umher, Du findest keinen Christen mehr. Eine ungewöhnliche Niedertracht ist es zunächst, die Judenheit für die Revolution verantwortlich zu machen. Wir haben noch nicht gehört, daß den Juden die Verantwortung dafür ausgebürdet wurde, daß einer der ihren, Ludwig Stahl, der konservativen Partei das wissenschaftliche Rückgrat gegeben hat. Wir haben auch nichts davon gehört, daß die Konservativen jemals den Juden für die Tat Stahls gedankt haben. Sie gingen in diesem Fall mit Recht davon aus, daß die Handlung des einzelnen nur gegenüber diesem einzelnen zu Dank oder zu Tadel verpflichtet. In anderen Fällen denken sie anders. Die Juden werden als Kapitalisten beschimpft; trotzdem sollen sie die antikapitalistische Revolution gemacht haben! Dabei sprechen die Antisemiten stets von der Gerissenheit und Schlauheit der Juden. Hier find diese plötzlich jene allergrößten Kälber, die sich ihren Metzger selber wählen. Es kommt hinzu, daß die meisten, man darf vielleicht sagen, fast alle jüdischen Revolutionäre mit dem Judentum nichts oder kaum noch etwas zu schaffen haben. Sie sind entweder, wie Kurt Eisner, aus der jüdischen Religionsgemeinschaft längst ausgetreten, oder sie stehen dem Judentum gleichgültig, wenn nicht fremd gegenüber. Aber weshalb macht man in keiner Weise die Gesamtheit der Christen verantwortlich für Ledebour, für Eichhorn, für Richard Müller, für Barth, für Dittmann, für den antisemitischen Matrosen Strobel, für Adolf Hoffmann, für die Deserteure und spartakistischen Streikarbeiter? Und weshalb macht man sie nicht für Liebknecht verantwortlich? Weshalb wird sogar, allen Richtigstellungen zum Trotz, immer weiter gelogen, daß Liebknecht Jude sei?