Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Article
- Das Synagogen-Sofa von Kuttenplan
- Date
- 1918-10-01
- Page
- 400 (sequence 5)
- Language
- German
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400 Im deutschen Reich FriedenszsiLen in Kuttenplan waren. Auf dem Friedhof sind sie zu finden; ans dorn feit nun gerade drei Jahrzehnten nicht mehr benutzten, feit 1888 geschlossenen Friedhof. Ernten im Schloßpark, umschlossen und verborgen von -nächtigen Bmumgruppen, ist er gelegen. Wenn der Jude den Gottesacker, auf dem er letzte Ruhe findet, stets so rührend schön den „guten Ort" nennt/hier ist er ein gar herrlicher Ort. In der hohen Mauer, die ihn umsteht, ist die stark verrammelte Tür angebracht, die sich durch das schwerfällige alte Schloß nur widerstrebend öffnen läßt, und /m Ausgehen ächzt, als klagte sie über die ungewohnte, unwillig erduldete Störung. Drinnen aber, auf dem alten TotenfelLe, welch ein Leben! Einen welligen Hügel hinan zieht sich die Grä-berstatt bis zu einer Rninenmauer. Die Grabsteine sind vielfach halb in den weichen. Boden gefunken oder sind eingefallen, die sehr beredten hebräischen Inschriften sind oft moosüberzogen, von Wind und Wetter unleserlich gemacht, zwischen den wirr umherlieaenden alten Grabsteinen aber ein wahrhaft tropisches Blühen und Prangen und Sprießen. AL die hohen Gräser und Blumen scheinen die Gräber verdenken, überdecken Zu wollen, große, leuchtend rote Erdbeeren blinken und locken, und bunte Käfer, farbenprangercke Schmetterlinge haben die Stätte des Todes zum Tummelplatz ihres kurzen, sonnigen Lebens ersehen. Mit einem Gefühl, als hätten wir für die Störung um Entschuldigung zu bitten, ziehen wir uns von dieser Wunderstätte seligen Friedens, vom schönsten Totenheim, besten sich je eine kleine' jüdische Gemeinde rühmen durfte, zurück. Auch diese Eräberstätte, mitten in einem üppigen Schloßpark, hatte die Gemeinde ihrem vielgepriesenen gräflichen Gönner zu danken. Freilich mußte sie spater einmal mit seinem Nachfolger im Besitz Kutvenplans wegen der Zufahrt n\m Friedhof einen Proz'eß führen, den sie gewann, aber die Beziehungen zwischen Synagoge und Schloß sind doch im ganzen gute und freundliche geblieben. Die alte brüderliche Einhelligkeit der Einwohnerschaft aber gehört der Vergangenheit an. Ausgestorben, ausgewandert ist die alte Bevölkerung; das neue Geschlecht hat sich seelisch nicht gesund genug erwiesen, um den Giftkeimen der GlaübensgehLssigkeit zu widerstehen, Um Bazillus des Antisemitentnms. Wohl ist noch heute das Armenhaus Christen und Juden offen, wohl ist noch manche alte Einrichtung als Denkmal des einstigen, seligen Friedens zurückgeblieben, aber die alte Eintracht ist geschwunden. Wenn die Gegenwart eine Tochter der Vergangenheit ist, so haben wir es hier mit einer entarteten Tochter zu tun, die ihrer Mutter recht unähnlich geworden ist. Der Heimweg durch den tiefen, üppigen Wald läßt aber eine Verstimmung nicht aufkommen. Einer Natur, die uns so verschwenderisch mit ihren Gaben überschüttet, die Duft und Blüten, Frucht und Schatten so freigebig spendet, ohne zu fragen, wes Nam' und Art der ist, dem der Segen zustatten fomini, einer solchen Natur ist die künstlich gehegte Feindseligkeit zwischen den Menschen nicht — natürlich. Und wie wir mm gar, aus dem Wald heraustretend, Marienbad ausgebreitek sehen im Abendsonnengold, da überkommt uns ein Gefüh/der Gewißheit: Der Krieg zwischen Völkern oder