Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Article
- Das Synagogen-Sofa von Kuttenplan
- Date
- 1918-10-01
- Page
- 399 (sequence 4)
- Language
- German
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Das Synagogen-Sofa von Kutteuplau 399 erschienen dann gar oft im Tempel und nahmen auf ihrem Ehrensitz, aus dem für sie bereitgestellten Damast-Sofa, Platz. Graf und Gräfin blieben aber nicht die einzigen christlichen Stammgäste der Synagoge. Sie hatte ihrer mehr. Ein Stückchen vom verheißenen paradiesischen Reich, in dem Lamm und Löwe friedlich nebeneinander lagern, hatte sich im alten Kuttenplan verwirklicht. Hier bildete die gesamte Einwohnerschaft, ohne Unterschied von Glauben, Stand und Besitz, eine einzige Familie. Kennzeichnend ist es, daß man sich im ganzen Ort mit dem v^rwandtschaftlichen „Du" anredete. Als vor Jahrzehnten Knttenplan abbrannte und besonders die jüdischen Häuser au der Synagoge den Flammenherd bildeten, da beteiligte sich der Ortspfarrer besonders eifrig am Löschen und vermauerte mit eigener Hand die Fenster an der Wohnung des jüdischen Gemeindevorstehers, um den Flammen den Eingang zu versperren. Bei freudigen Anlässen trat die Einhelligkeit der. Einwohnerschaft in Stimmung und Gesinnung nicht minderklar zutage. Bei den Trauungen im jüdischen Tempel trug so manch liebes Mal der christliche Mannergesangverein vom oberen Chor herab seine festlichen Gesänge vor. Und über das Grab hinaus währte die Treue, die Christ und Jude sich hier gegenseitig hielten. War da ein alter, einsamer jüdischer Schuldiener krank geworden. Ein befreundeter Bauer kam gern, wann immer er sich eine Stunde abgewinnen konnte, herüber, um nach dem armen Schuldiener zu sehen, mit ihm klug über Weltdinge Zu schwatzen, zu philosophieren und um ihm gelegentlich beizustehen. Eines° Tages fand er den Schuldiener besonders verdrossen und traurig. Er jammerte über das elende Dasein, das er so allein und verlassen aus dieser Erde führte, „und wenn ich nun bald sterbe", fügte er hinzu, „wird kein Mensch um mich trauern, wird kein Mensch für mich beten." — „Sag das nicht," antwortete der Bauer, „eure jüdischen Gebete kann ich natürlich nicht hersa-gen, aber das verspreche ich dir, alle Jahre an eurem höchsten Feiertag, am Vorabend des Versöhnungstageswerde ich in euren Tempel kommen und so gut ich es kann, in meiner christlichen Art für dich beten." Und er hielt treulich Wort. Alljährlich am Kol-Nidre-Abend kam unser Bauersmann, blitzsauber gewaschen, in seinem besten Sonntagsstaat in den Tempel, wo man ihm gern einen Ehrenplatz fveihielt, um zu beten. Da mag immerhin auch manch'urchristliches Vaterunser emporgestiegen sein zum Himmel und mag doch wohlgefällig ausgenommen worden sein als ein rührend-schönes Zeichen der Verbrüderung in Knttenplan, über die rechte Freude herrschen konnte im Himmel und rechte Genugtuung auf Erden. Noch einmal verweilt der Blick bei dem seit undenklichen Zeiten niemals mehr benützten Damast-Sofa am Almemor-Ehrenplatz, das doch so erbauliche Dinge zu erzählen weiß. Noch einmal gleitet das Auge zur vergitterten, oberen „Frauenschul" x?ub an den Wänden entlang, an denen noch manche eingerahmte Tafel in prächtiger Ziersckzrist von dem Wohltäter und Gönner der flcincrr Gemeinde, vom Grasen B e r ch e n h e i m h a u s e n kündet, dann wenden wir uns zu jenen, die noch Zeugen der paradiesischen Eintkachts- und