Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Article
- Eindrücke und Erlebnisse in Rumänien
- Date
- 1918-10-01
- Page
- 387 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316876-2316885-2354628--29045-2354730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Cmbriicfe und Erlebnisse in Rumänien Zu gleicher Zeit bat sich der rumänische Jude damit Zu beschäftigen. wie man bei den unorganisiertenrumänischen Verhältnissen Beweise dafür erbringen soll, dasz man in dem schönen Bojarenlande das Licht der Sonne zum ersten Male erblickt hat. Wenn, nicht das bei der Ratifizierung zu erlassende Gesetz mit diesen Einschränkungen, wie sie im Friedensvertrag vorgesehen sind, auf'räumen wird, dann ist die gewollte Gleichberechtigung eben doch nicht durchgeführt, und es gibt wie bisher rumänische Staatsbürger jüdischen Glaubens und rumänische Untertanen jüdischen Glaubens. So dürfte also auch hier den Juden oeschieden sein, den Kampf um die wirtliche Gleichberechtigung erst beginnen zu müssen. Wie 'steht es aber mit der Bereitschaft des rumänischen Judentums für solchen Kampf? Das ist ein ganz besonderes und durchaus nicht immer erfreuliches Kapitel rumänisch-jüdischer Verhältnisse, über das zum Verständnis des Ganzen einiges gesagt werden muß. Als ich auf meinen Kriegswanderungen durch Galizien, Polen und Rußland gekommen bin, da war es stets eine besondere Freude für mich, zu sehen, wie trotz aller staatlichen Nachteile, trotz aller behördlichen Änfeindungen und trotz aller Boykotte seitens der Bevölkerung der Jude als solcher sich, seinem Gebote und seiner Religion, seinem Stamme und seiner Familie unentwegt treu geblieben war. Alle klagten und jammerten, Mann und Frau, alt und jung, aber niemals darüber, daß man Jude war und als solcher die schreckliche Zeit noch weit schwerer zu empfinden hatte, die Klage galt nur der Ungerechtigkeit und Mitleidslosigkeit -der Menschen. Solche Gesinnungen führen ihren Ursprung auf ein jüdisches Haus und noch mehr auf die jüdische Schule zurück. Man mag über den Ch-eder denken wie man will, man mag seine Einrichtung und auch seine Lehr- und Lernmethode verurteilen, aber das Kind, das ihn jahrelang besucht hat, verläßt ihn mit einem tatsächlichen, oft umfangreichen und gefestigten Wissen, das eine prachtvolle Grundlage zum weiteren Aufbau darbietet. Gewiß soll und muß es nnfer Bestreben -sein, an die Stelle des Cheders moderne Schulanstalten zu'setzen, aber wenn diese ihren Schülern nicht in gleichem Umfange, wenn auch in veränderter Form und anderem Geiste Wissen zu bieten verstünden, dann wäre der Ersatz nicht als gleichwertig anzusehen. Doch bei der engen Fühlung, die. alle unsere in Betracht kommenden Instanzen mit diesen Einrichtungen des polnischen und russischen Judentums genommen haben, und bei dem starken Willen, nur das Beste zu schaffen, kann eine solche Befürchtung gar nicht in den Kreis der Erwägungen eiubezogen werden. Anders scheinen mir die Verhältnisse in Rumänien 'zu liegen, das heißt in dem von uns besetzten Gebiete, in der Walachei' (die Verhältnisse in der Moldau kenne ich aus eigener Anschauung nicht). Hier machten sich bis zum Eintritte Rumäniens -in den Krieg ähnliche Strömungen -geltend, wie wir sie im deutschen Vaterlande zur Zeit Mendelssohns und' seines Freundes Wessely kennen gelernt haben. Unter dem Drucke und der Verachtung der Rumänen verschmähte es ein Teil der Heranwachsenden und bereits herangewachsonen Jugend nicht, sich der jüdischen Abstammung zu schämen; sie erlaubten sich auch nicht selten, stlbst'berechtigte und im Herkommen begründete jüdische