Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Article
- Zum Andenken an Coßmann Werner
- Date
- 1918-10-01
- Page
- 375 (sequence 7)
- Language
- German
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Zum Andenken an Coßmann Werner 375 durchsichtig. Dazu kam bis Kenntnis des Seelenlebens seiner Zuhörer. Durch seine oben geschilderte Tätigkeit in der Praxis des täglichen Lebens kannte er die Menschen in ihrem Alltagsdenken. Er wußte seine Ausführungen auf die Hörer einzustellen und blieb so in beständigem Zusammenhang mit seinem Publikum. Bekannt und berühmt sind seine herrlichen Bilder. Bei der im Jahre 1887 erfolgten Einweihung der Synagoge in Danzig verglich er die Weihe der Stunde und die Heiligkeit des Glaubens mit der Stimmung des Wanderers, der bei dem Anblick einer durch Erhabenheit ergreifenden Landschaft nur schweigend eine Blume zum Andenken abpfiückt. Bei der Predigt zur Weihe der neuen Synagoge zu Königsberg sagte er: „Unser Leben gleicht dem Meere, unser Schicksal gleicht dem Winde. Bald läßt dieser uns wie ein sanfter Zephir ruhig auf dem Meeresspiegel dahmgleiten, bald treibt er uns wie ein tobender Sturm unstet und flüchtig umher. Das Gotteshaus ist der Hafen, in dem wir ausruhen." So hat er Dichterworte in der herrlichsten Weise erweitert und ausgedeutet. Was hat er alles dem Leben der Statistik abgewonnen, um die wächserne Nase der Statistik, die man dehnen und biegen kann, wie es einem gefällt, gebührend zu zeigen. Neben den Gleichnissen suchte er durch eine Fülle von Gegensätzen seine Gedanken klarzulegen. Wie oft hat er den Gegensatz von Antik und Modern, von Geistes- und Naturwissenschaft, von Ideal und Real vor seinen Zuhörern mit neuem Inhalt erfüllt! Ein großer Wortreichtum gestattete ihm, durch Häufung gleichbedeutender Begriffe besonders Wichtiges hervorzuheben. Dazu kam natürlich seine große Kenntnis des jüdischen Schrifttums, die ihm gestattete, seinen Vortrag immer auf eine jüdische und zugleich interessante Grundlage zu stellen. Die Deutung, die er den Worten der Schrift gab, die Heranziehung des Midrasch, welche man in diesem Umfange selten finden wird, machten seine Darlegungen immer interessant, und so waren seine Predigten zu den Feiertagen immer ein erhebender Genuß. In einem Nachrufe wurde mit Recht gesagt, die großen jüdischen Organisationen hätten bei wirklich großen Ereignissen immer Werner als Redner gesucht. Das taten sie, weil sie wußten, baß bei dem großen Takte des Redners, bei seinem Wissen, seiner Begeisterung nur wenige ihm gleichkommen würden. Unvergeßlich sind die großen Vorträge, die er im Centralverein gehalten. Er selbst bezeichnete es als den erhebendsten Vortrag seines Lebens, als er am 9. Februar 1910 in einem der größten Säle Berlins vor einem Publikum in Weihsstimmung über.-Judentaufen sprach. Damals fanden wirklich viele Tausende keinen Platz mehr, und der Centralverein erntete Vorwürfe, daß er nicht das Unmögliche möglich gemacht und einen Saal für 6000 bis 7000 Zuhörer