Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Article
- Zum Andenken an Coßmann Werner
- Date
- 1918-10-01
- Page
- 374 (sequence 6)
- Language
- German
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374 Im deutschen Reich Eigenschaft nicht verkenne. Auf der andern Seite hat er sich nie gescheut, die extrem nationalistische Auffassung gewisser zionistischer Heißsporne, wie sie 3, B. in der jüngst viel beachteten Klatzkinschen Rede zutage tritt, als ein Unglück für das Judentum zu bezeichnen. Immer trat er auch hier für eine sachliche Austragung von Meinungsverschiedenheiten aus und hörte nicht aus, sein Bedauern darüber auszusprechen, wenn in zionistischen Versammlungen früherer Zeit die Führer unseres Vereins persönlich verunglimpft wurden. n. Wenn wir das Wer? des Mannes besonders betrachten, so kennt man in Werner den berühmten Redner. Er erfreute sich besonders wegen feiner Redekunst der Gunst des Buyernkönigs. Vor Jahren hielt er in der Orientalischen Gesellschaft einen Vortrag über „Mohammed und das Judentum". In dem dichtgefüllten Saale fielen zuftimmende Zwischenrufe eines Zuhörers auf. Wir, die hinten saßen, wußten nicht, von wem sie ausgingen. Es war der damalige bayerische Thronfolger und jetzige König, der fein Einverständnis zu vielen Ausführungen kundgab und sich an jenem Abend noch lange Zeit allein mit Werner unterhielt. Noch häufig besuchte er Werners Vorträge, und als Prinzregent wie als König ha! ihm Ludwig III. seine Huld in hohem Maße bewahrt. Werner wurde Professor und mit einer Reihe von Auszeichnungen geschmückt. Es genügt nicht die einfache Feststellung, daß Werner ein guter Redner war. Gerade dieser Punk! verlangt ein näheres Eingehen. Was verlangte Werner selbst vom Redner? „Die Redekunst wird zu einer Tugend, wenn sie dem reinen Ideal dient",*) und „Redebegabung soll nicht nur ästhetische, künstlerische Genüsse auslösen, sie soll vor allem in den Dienst der Wahrheit und Gerechtigkeit gestellt werden".**) Alle Predigten, ebenso wie die weltlichen Vorträge Werners entsprachen diesen Anforderungen, bei ihm wurde das Genie zu einer Tugend. Er war ein Naturredner, kein Kunstredner. Er begeisterte sich selbst an seinem Stoffe; denn er wählte nur Stoffe, die ihn und andere hinreißen konnten. Wenn er auch fast niemals eine Rede aufschrieb, sondern sie nur nach kurzen, schriftlichen Stichworten in Gedanken sestlegte, so fehlte seinen Reden nicht eine durchsichtige Gliederung. Mau merkte ihm eine gründliche humanistische Schulung und eine gute Kenntnis der griechischen Klassiker an. Die Meister der griechischen Rhetorik hat er sich zum Muster genommen. Der Aufbau blieb immer klar und *) Rede an der Bahre des Rabbiners Groß in Augsburg. **) Rede am Grabe unseres verstorbenen Freundes Abraham Ofner in München.