Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Article
- Zum Andenken an Coßmann Werner
- Date
- 1918-10-01
- Page
- 371 (sequence 3)
- Language
- German
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Zum Andenken an Seemann Werner 871 die Bedürftigkeit irr: reinsten Sinne des Wortes ausgearbeitet. Wie oft mußte man Gelegenheit nehmen, Werner zu bitten, für ganz aussichtslose Gesuche nicht fortwährend persönliche Anstrengungen zu übernehmen; wie oft hatten wir, seine Freunde, Anlaß, ihn vor Menschen zu warnen, welche seine Güte nur ausnutzten. Er erwiderte stets, bei reichen Leuten könne er sich wohl zurückziehen, bei ärmeren müsse er bis zur äußersten Folgerichtigkeit alles tun. „Ein Rabbiner für die Reichen ist ein Unglück für die ganze Gemeinde" hat er oft genug geäußert. „Ein guter Rabbiner muß auch ein guter Mensch sein", dieses wahre Wort findet sich in einer seiner gedruckten Reden. Niemals hat Beschäftigung, Erholung, Besuch, körperliches Befinden Werner abhalten können, Freund und Helfer derer zu sein, die ihn aussuchten. Seine Austassung über die hohen Pfiichten des Rabbiners hat Werner in einer glänzenden Ansprache niedergelegt, die er anläßlich des Amtsjubiläums des jetzt verewigten Rabbiners Horowitz in Frankfurt a- M. gehalten hat. Da führte er aus, daß das Judentum keine Seelsorge kenne, denn jeder müsse für seine Seele selbst sorgen, aber Seelen freunde kenne das Judentum, und die Rabbiner soLten solche Seelenfrrunde sein. Auch hier war bei ihm nicht Theorie, sondern Praxis. Was bedeutete diese Seelensreundschast? Sie bedeutete für ihn das Eingehen aus alle Kümmernisse des Einzelschicksals. Leute aus allen Ständen trugen ihm alles vor, was sie bedrückte, und konnten es; denn er faßte das Wort Seelensreundschaft in allerweitestem Sinne auf. Man täusche sich nicht; vielfach wird mit dem Worte „seelsorgerische Tätigkeit" nur das Halten von Moralpredigten verstanden. Den Seelensreuud verabscheuen viele, weil er nur triefende Redensarten für sie übrig hat. Werner hörte und half. Wer den Betrieb in seiner Sprechstunde — und die währte von morgens bis abends — kannte, wußte, daß neben Liesen Gewissenskonflikten, neben Fragen rein religiöser Natur, streitende Ehepaare, notleidende Hppothekengläubiger, Stellnngsuchende, kurz alle zu ihm kamen, die Hilfe brauchten, rlnd er hals. Er sprach mit seinen Freunden, die er ja überall hatte, er wechselte unaufhörlich Briese, und er konnte in sehr vielen Fällen helfen. Auch die Tatsache, daß gar manche, denen von dem Ehepaar Werner in recht unangenehmen Lagen Hilfe kam, nachher sich wenig dankbar zeigten, hat Coßmann Werner niemals auch nur zu einem Nachlassen in seiner Tätigkeit veranlaßt. Er lebte der unerschütterlichen Ueberzeugung, „der Mensch wolle von Natur das Gute". So fand er auch in dem Verbrecher, in allen von der Gesellschaft Ausgestoßenen den guten Kern, der ihnen nach seiner Auffassung innewohne» mußte. Daher peinigte ihn der Gedanke,