Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Article
- Zum Andenken an Coßmann Werner
- Date
- 1918-10-01
- Page
- 370 (sequence 2)
- Language
- German
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B70 Im Leutscherr Reich Mann zieren und auszuzeichnen vermögen. Hier soll einiges über ihn, seine Anschauungen, seine Arbeitsmethoden gesagt werden, und Zwar von einem jüngeren Freunde, der sich anderthalb Jahrzehnts feines fast alltäglichen Umganges erfreuen durste. Dem Andenken eines Großen dient man am besten, wenn man aus der Persönlichkeit zu lernen bestrebt ist, und diesem Lernen dienen diese Zeilen. I. Werner war kein Mann, der die Schwächen dieser Welt, die Macht der hohlen Phrase, die liebe Eitelkeit vieler Menschen mit urteilslosem Blicke betrachtet hätte. Er war sich vor allem darüber klar, daß die verhältnismäßig schnelle Emanzipation der Juden noch zahlreiche Ghettospuren hinterlassen hatte, und deswegen hat er namentlich auch die Tätigkeit des Centralvereins immer auf das Gebiet der inneren Einkehr zu lenken verstanden. Er hat in feiner Person die innere Einkehr zur Vollendung ausgeprägt und in seinem persönlichen Leben niemals Wasser gepredigt und Wein getrunken. Er, der so sehr die schmählichen Angriffe unserer Feinde bekämpfte und verurteilte, war für seine Person von einer Unanfechtbarkeit, die sein Leben völlig im Einverständnis mit seiner Lehre erscheinen ließ. Das zeigte sich aus dem so heiklen Gebiet der Geldsachen. In Steuererklärungen z. B. war er von peinlichster Genauigkeit; er fand schon den Versuch falsch, das Gesetz für sich auszulegen, und wenn ihm irgendwelche Zweifel kamen, teilte er sie sofort der Behörde mit, damit sein Steuersatz herausgesetzt wurde. Die Macht des Staatsgesetzes war für ihn Gottesgesetz, er verkündete aus der Kanzel dre Unverbrüchlichkeit des Gottes¬ und des Staatsgesetzes und hielt sich selbst diese Unverbrüchlichkeit in peinlichstem Maße vor Augen. Ein verstorbener bayrischer Zentrumsführer hat ihn einmal seiner Unvoreiugenommenheit Juden gegenüber besonders versichert und ihm erklärt, er hasse an vielen Juden wie auch an Nichtjuden deu „perversen Erwerbssinn". Werner hat viel über disees Wort nachgedacht und hat vor allen Dingen durch sein Beispiel nach dieser Richtung seiner Gemeinschaft ein leuchtendes Vorbild gegeben. Man spreche ruhig aus, was ist. Geldgier ist eine üble Eigenschaft; beim Theologen ist sie aber besonders hafseuswert und man weiß ja, wir leicht gerade Geistliche aller Bekenntnisse dem Vorwürfe ausgesetzt sind, daß sie für die Wohlhabenden mehr Interesse hegen als für die Minderbegüterte». Wer das Haus Werners kannte, wußte, daß in diesen Mauern ein Unterschied zwischen arm und reich niemals gemacht wurde. Und man spricht die Wahrheit, wenn man sagt: Coßmann Werner, ebenso wie feine Gemahlin haben sich im Dienste für