Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1918-09-01 · Heft 9 (September 1918) · p. 348

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
24 (1918)
Issue
Heft 9 (September 1918)
Article
Die jüdische Mutter als Erzieherin ihrer Söhne
Date
1918-09-01
Page
348 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2316602-2316876-2316884-2354469--28937-2354571
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Im deutschen Reich 348 Interesse ist sie eine Quelle vieler Freuden, sie bringt jedoch auch viele mib große Gefahren mit sich. Der Jüngling wird sich mit seltenen, geistigen Schätzen bereichern, wenn er gelernt hat, diese mit der Mutter zu teilen, bei'ihr volles Verständnis zu finden. Fühlt sie sich auch oft schon im Wissen unter ihm stehend, noch immer kann sie mit ihm teilen, schweben, genießen und schwärmen. Ihre geistige Reife überragt turmhoch seine jugendlichen Anschauungen, durch ihr reineres Empfinden wird sein Geschmack veredelt und geläutert, sein geistiger Horizont erweitert, seine Bildung vertieft werden. Fraglos wird sie ihn gleichermaßen anregen, die Meisterwerke der Dichter und Denker des Judentums wie die der deutschen Klassiker kennen zu lernen. Auch die Erholung ist ein Hauptfaktor in der Erziehungsaufgabe, und am wirksamsten ist sie in der Form einer ungezwungenen Heiterkeit. Das Haus, in dem Ordnung und Arbeit herrschen, soll auch das heiterste sein. Wohl ist es schwer, diese ruhige Heiterkeit stets ausrechtzuerhalten, es bedarf hierzu eben der ganzen Selbstlosigkeit und Aufopferung eines WutLerherzens. Die Sorgen des Alltags drohen oft, die Quelle der Heiterkeit versiegen zu lassen, das Alter bringt auch Liefen Ernst, oft durch Krankheit hervorgerufen, mit sich und läßt oft das Lachen auf Jahre hinaus in den Familien verstummen. Das kann jedoch überwunden werden. Nicht als ob den Kindern die inneren und äußeren Sorgen des täglichen Lebens verborgen bleiben sollten, es hieße dies, sie künstlich in einer falschen Atmosphäre trügenden Glückes auserziehen. Im Gegenteil! Ein wichtiges Erziehungsmittel ist es, Heranwachsenden Kindern absichtlich hin und wieder die verschiedenen Sorgen und Mühsale des Lebens vorzuführen; es ist dies eine Vorschule des Leides, das ja keinem der Kinder ganz erspart bleibt. Aber nur nicht beständig jammern und klagen! Das erzeugt Widerwillen vor dem häuslichen Kreis und läßt namentlich die erwachsenen Söhne zu dem Schlüsse gelangen: um sich zu belustigen, müsse man dem Familienleben entfliehen. Da ist es wieder die Mutter, die mit einem sonnigen Lächeln die Wolken verscheucht, die auch in Tagen schweren Kummers Freude spenden kann. Ich kenne ein Haus, von Kunrmer und Leid, ja von Schande heimgesucht, aber auf den Lippen der schwergeprüften Mütter erstirbt das Lächeln nicht. Es ist der heiterste Familienkreis für die Kinder und deren Freunde, die stets freundlich begrüßt werden und das Haus stets mit lachenden Gesichtern und fröhlichen Herzen verlassen. Die tapfere Frau hatte eben erfaßt, daß der ernste, arbeitsame Mensch der Freude bedarf, daß diese die nie versiegende Quelle der Tatkraft und Pflichttreue ist, und sie gab darum aus ihrem starken Herzen, was die Ihren brauchten. Das ist Heldenmut! - Der gesunde Instinkt des Knaben lehrt ihn frühzeitig Ehrfurcht vor dem Weibe. Die Mutter hält ihn im Hause fest am Zügel der Sitte, und dabei erwacht in ihm zuerst das Gefühl lrer Ritterlichkeit der Mutter gegenüber, das ihn nun nicht mehr verläßt bis an sein Lebensende. Das rührende Bemühen, diesem unbewußten Gefühl Ausdruck zu geben, erfüllt das Mrtterherz mit stolzer Freude. Der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.