Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 9 (September 1918)
- Article
- Die jüdische Mutter als Erzieherin ihrer Söhne
- Date
- 1918-09-01
- Page
- 347 (sequence 4)
- Language
- German
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Die jüdische Mutter als Erzieherin ihrer Söhne 317 Was bei ihr ein kleiner schalkhafter Widerspruch, bei dem Sohne ist es starrköpfiger, unbeugsamer Trotz. Bei dem Vater ein leichtes, energisches, fast liebenswürdiges Ambrausen, bei dem Sohne ein maßloser Jähzorn! Der Vater straft mit gewissenhaftem Pflichtgefühl und tröstet: „Das Leben wird es dem Jungen schon austreibenA Die Mutter geht ihm nach. Stunde für Stunde, wacht Tag und Nacht, daß dem Fehler nicht neue Nahrung zugetragen werde. Das Kind wächst ihr doppelt ans Herz und die Mutter dem Kinde. Liebe ist stets gegenseitig und die Fäden, woraus sie gewoben, oft unsichtbar. Bei Mutter und Sohn wurzelt sie in dem unaufhörlichen Mitringen der Mutter in des Kindes Seele, in dem unausgesprochenen Verstehen jedes kaum keimenden Gefühls des Kindes, und in dieser stummen, aber unermüdlichen LiSbesarbeit des in seiner Schwäche so starken Mutterherzens liegt das sympathische Band, das den unbändigen Knaben, den kraftstrotzenden Jüngling, den werdenden Mann mit unzerreißbaren Banden umschlingt. Wohlvorbereitet für den feierlichen Akt der Konfirmation, wird diese, da sie dem Knaben die Pflichten des erwachsenen Juden auserlegt, fraglos den tiefsten Eindruck bei ihm zurücklafsen. Glaube, Heimat und Vaterland, zu deren Ehrfurcht er erzogen wird, werden zu lebendigen Kräften, deren Wirkung er fühlt, die ihm ans Herz greifen, die mit seinem Wesen verwachsen. Der Sohn wächst heran. Er fangt an, der Mutter Tun auch mit dem Verstände Zu begreifen. Doch schgn nach den ersten Schuljahren tragen ihn seine Studien über den Gesichtskreis der Mutter hinaus; sie versucht, mit ihm Schritt zu halten, mit ihm zu lernen, oft über ihr Verständnis, mit Anspannung ihrer Knast. Und doch erlebt sie den Schmerz, daß sie in den Augen des Sohnes hinter dem Vater zurücktreten muß. Der Vater, der alles weiß, alles kann, ist sein Ideal; der Vater ist in des Kindes Vorstellung so stark wie der liebe Gott! Tritt nun naturgemäß bei der Erziehung des Knaben alsbald der Vater und der Lehrer in den Vordergrund, so wird der Einfluß der Mutter darum doch nicht geschmälert, denn in der menschlichen Kulturarbeit erweist sich die Ergänzung der Geschlechter als -durchaus notwendig. Die Mutter bietet der Arbeit des Heranwachsenden Sohnes Ermunterung und Schutz, durch ihre Ermahnungen zur Pflichterfüllung die Stimme des Gewissens weckend und somit auch das GemütsleLen bildend. Seine häusliche Arbeit rann nur fruchtbringend fein, wenn Ordnung und Pünktlichkeit im Hause herrschen, Arbeitszeit und Erholung wechseln. Die Mutter wird diese Ordnung nicht nur streng aufrechterhalten, sondern sie auch pädagogisch verwerten, indem sie diese b-em Geiste des Sohnes einprägt, sie ihm zur Gewohnheit, zum Bedürfnis macht! Er lernt hierdurch aber auch die ernste Arbeit als etwas Hohes, Heiliges schätzen, das den Menschen adelt und Achtung, ja Ehrfurcht heischt. Die Mutter teilt und leitet die Freude des Erfolges, damit sie nicht Ehrgeiz und Stolz wecke, sondern das junge Herz mit frohen Hoffnungen und guten Vorsätzen erfülle. Sie lindert den Schmerz einer Demütigung, nicht weichlich den Tadel des Lehrers abschwächend, sondern milde und gütig den Eindruck noch vertiefend und zu rascher Tatkraft anfeuernd. Hier noch ein Wort über die Lektüre. Bei regem geistigen