Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 9 (September 1918)
- Article
- Die jüdische Mutter als Erzieherin ihrer Söhne
- Date
- 1918-09-01
- Page
- 346 (sequence 3)
- Language
- German
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340 Im deutschen Reich der andächtig in die Hohe gerichtete Blick der Mutter beim Beten des Kindes Ahnung auf etwas Hohes,, Ehrfurchtgebietendes -gelenkt. Durch die täglichen Gebete, die Weihe des Freitagabends, der Sabbat- und Festtage sind die Kinder mit dem Namen Gottes vertraut geworden, ihr Interesse für Aufnahme von Geschehnissen ist erwacht, und nun erzählt ihnen die Mutter die biblischen Geschichten, bringt ihnen Gott als Vater, als liebenden, sorgenden Vater nahe, damit sie in Gott den Vater ihres Vaters lieben und ehrfürchten lernen. Die Mutter hat ebenso frühzeitig Menschenliebe und Hilfsbereitschaft in den jungen Herzen erweckt. Der Religionsunterricht in der Schule mit seinen das Gemüt veredelnden und zu allem Schönen und Guten aneifernden Lehren,, die biblischen Geschichten, die Erzählungen der Mutter, die in das Seelenleben der Helden, der frommen Männer. Dichter und Denker des Judentums führen, der Besuch des Gotteshauses dank der Einrichtung des Jugendgottesdienstes, die Pflege des religiösen Gssanges im Hause werden in den Heranwachsenden Knaben und Mädchen gleichermaßen Liebe und Begeisterung für den angestammten Glauben zeitigen. Hier liegt ein großes, nicht hoch genug zu bewertendes Arbeitsfeld für die jüdische Mutter. Indem sie dem Gebote „Und du sollst deinen Kindern davon reden" folgt, wird sie, wenn sie das hercmblühende Geschlecht in die wundervolle Ethik des Judentums einführt, diesem auch klarmachen, daß „Ehre Vater und Mutter" diese auch „ehrfürchten" bedeutet, daß Dankbarkeit gegen die Eltern, Pietät gegen alte Leute zu den! ernstesten Mahnungen unserer heiligen Glaubenslehre zählen. Nicht minder wird jedoch auch die jduifche Mutter bestrebt sein, Liebe und Treue zu Heimat und Vaterland in die jrmgen Herzen ihrer Söhne frühzeitig zu pflanzen. Der wahre Patriotismus ruht stets auf religöstr Grundlage, Glaubenstreue und Vaterlandsliebe sind eng miteinander verbunden. Die jüdische Mutter wird jederzeit den Höhepunkt ihres Strebeus in dem Wunsche finden, dem Vaterlande in ihren Söhnen vollbefähigte Staatsbürger zu geben, die in hingebungsvollster Pflichterfüllung und unbegrenzter Begeisterung ihr Leben einsetzen, wenn das Vaterland ruft! Steht die Mutter zwischen mehreren Söhnen, so gibt es um so mehr zu sorgen und zu behüten, auszugleichen und zu schlichten. Alle aus demselben Nest geflogen und alle doch so verschieden! Der eine ist heftig und leicht verletzbar, der andere ruhig, voll stillen, steten Ehrgeizes, der. dritte vielleicht leichtlebig, doch unwiderstehlich liebenswürdig. Neben der Sorge für die Charakterbildung ihrer Söhne, der, daß ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohne, beklemmt eine bei weitem tiefere Sorge oft der Mutter Brust: die Fehler der Jungen. Sie sieht sie aufkeimen, emporschießen, wachsen, den Lebensweg des Sohnes dereinst verdunkeln. Charaktereigenschaften sind es, deren Bekämpfung sich vergeblich erweist. Die treue tägliche Arbeit sanfter Mahnung der Mutter ist ebenso vergeblich wie das leuchtende Beispiel, der ernste Manneszorn des Vaters. Wo steckt der Keim zu solchen Fehlern? Die Mutter sucht sie bei sich, bei dem Manne, dem Vater ihres Kindes! Vererbung!