Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1918)
- Article
- Betrachtungen zum Pogrom in Krakau
- Date
- 1918-07-01
- Page
- 285 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316876-2316883-2354281--28781-2354386- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Betrachtungen zum Pogrom in Krakau 285 führern, insbesondere da die politischen Arrangeure der Sache auch ein politisch-nationales Mäntelchen umgehängt haben. Denn die dauernden Pogromerscheinungen und ihre zu gewärtigen wirtschaftlichen und sonstigen Schäden sind Früchte der sorgsam von den polnischen Nationalderuokraten vor und während des Krieges ausgestrcuten Saat, die mächtig aufgegangen ist. Die Lehren des polnischen Nationalismus, der in konsequentester Weise von den Nationaldemokraien (Allpolen) repräsentiert wird und nunmehr polnisches Gemeingut ist, sind die Lehren des Hasses gegen die Frembnationalen, so gegen die Ukrainer wie gegen die Juden. Offen und unablässig wurde und wird der wirtschaftliche Ausrottungskrieg gegen die Juden gepredigt, noch offener werden die Lehren ausgeführt. Die Juden sind schuldig an allem und überall, sie sind auch schuld daran, daß der Brest-Litorvske.r Frieden den Ukrainern das Cholmland zugestanden hat. Man könnte im Auslände glauben, dies sei eine Farce: allein so komisch auch dieser Vorwurf ist, er wird leidenschaftlich wiederholt, ja er wurde fogai in bem Aufruf der polnischen Volkspartei, also in eineroffizielle» Kundgebung, schlangenbisstg erwähnt, in der die Bemerkung enthalten ist, daß der Breiter Frieden ein Werk „der Czervins, Kühlmanns und anderer russischer Juden ist". (!!) Seit, dem 9. Februar 1918, als die gesamte polnische Gesellschaft in einen nationalistischen Paroxysmus verfiel, find die Juden der Blitzableiter des Zornes, des nationalen Schmerzes der ganzen polnischen Nation im allgemeinen, der hungernden Massen insbesondere. Man verknüpfte die beiden Erscheinungen und stellte die Juden als die sichtbare Ursache aller polnischen Leiden hin. Was Wunder, daß die vielleicht ehrlichen, aber unwissenden Massen gegen die Juden losschlagen! Ueber sie läßt sich nur sagen: Nicht gegen das Werkzeug, sondern gegen die Hand, welche das Werkzeug führte, richte sich der Zorn der Gerechtigkeit!. Nach dem Friedensschluß in Brest-Litowsk ist die langjährige Boykottpropaganda der Nationaldemokraten, die in dem Organe „Slomo Polskie" und später in dem Krakauer „KurzerCodziennp," ferner in dem offiziellen Organ der polnischen Volkspartei „Piast" geführt wurde, in die Tat umgesetzt worden. Jahrelang wurde das polnische Volk systematisch vergiftet, verhetzt, die Saat ist nun in die Halme geschossen; die Verleumdung ist — um ein schönes Wort Wassermanns zu gebrauchen — Herrin des Verleumders geworden. — Während des Krieges sind die Haßausbrüche der nationalistischen Kreise heftiger geworden, weil sie öfters infolge der internationalen Lage in leidenschaftliche Erregung gerieten. Brest-Litowsk brachte die Erregung zum Siedepunkt: Die Pogrome waren, nun die Folgen.