Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1918)
- Article
- Betrachtungen zum Pogrom in Krakau
- Date
- 1918-07-01
- Page
- 286 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316876-2316883-2354281--28782-2354387- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
286 Jur dLutschen Reich An der Schwelle der eigenen Staatlichkeit, im Vorfrühling der eigene« Wiedergeburt zeigen die Polen schon fieberhafte Krankheitserscheinungen, die sie bei der Erneuerung des selbständigen Staates wesentlich hindern werden, etwas Gutes zu schaffen. Es ist allen Kennern der polnischen Geschichte und der polnischen Wirklichkeit ein Rätsel, daß dieses Volk, das doch seit der Wende des XVIIL Jahrhunderts als Märtyrer unter den Nationen galt, das sich in verschiedenen heldenhaften Erhebungen gegen den finsteren Zarismus verblutete, an dem Wendepunkte seiner Geschichte, vor den Toren des wiedererlangten Vaterlandes,in diesem selbst, während des staatlichen Erneurrungs» Prozesses alle idealen Traditionen vergangener Generationen elend zuschanden macht und sich die reaktionärsten Methoden des alten, morschen Rußlands des Zaren, der Popen und der Pogrom- Hundert angeeignet hat. Durch die schar-rlose, reaktionäre Behandlung der Juden noch vor der vollständig wiLdererlaNgiL-n Staatlichkeit begaben sich die Polen des Rechtes, die jüdische Frage als innere zu erledigen und zu lösen. Die jüdischen Massen müssen vielmehr mit Bangen in die drohende Zukunft schaue«, und als einziges Mittel bleibt ihnen vorläufig die Flucht in die europäische Oeffentlichkeit, damit diese im entscheidenden Momente bei der endgültigen Regelung der polnischen Frage entsprechenden Einfluß nehme auf die Sicherung der jüdischen Minderheit vor Hebelgriffen. Denn man muß sich die Frage stellen, ob eine Nation, die von vornherein mit einer akuten, konstant fieberhaften Krankheit behaftet ist und diese noch unablässig steigert, anstatt an eine leicht Mögliche, fast schmerzlose Lösung heranzutreten, imstande ist, einen so große» Staat lherd zu verwandeln. Ich habe des öfteren, Haupts wer Schrift „Polen und Juden", sowie in meinem in meiner Schrift „Polen und Juden", sowie in meinem demnächst erscheinenden Buche: „Die polnische Judenfrage" der Meinung Ausdruck gegeben, eine ehrliche Verständigung zwischen Polen und Juden sei^möglich, wenn die Polen sie nur wollten. Die erste Schrift, die ehrlich gemeint war, wurde von den Polen ganz totgeschwiegen, und seit dieser Zeit stellte ich mir selbst die Frage, ob die Verständigung nun auch wirklich möglich ist. Die Juden haben indes keine andere Wahl, als ihren nationalen und wirtschaftlichen Organismus auszubaueu und zu stärken, um wenigstens gegen Angriffe gerüstet zu sein. Eine jndenseivdliche Bewsgnsg macht sich auch im neuen Königreich Polen bemerkbar, das durch die Deutschen und Oesterreicher von russischer Herrschaft befreit worden ist. Wie die „Jüdische Rundschau" (Nr. 24' dom 14. Juni) mitteitt, greift die Pogrombewegung von Galizien aus auch nach Polen hinüber. In War-