Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1918)
- Article
- Deutschtum und Christentum
- Date
- 1918-07-01
- Page
- 279 (sequence 6)
- Language
- German
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Deutschtum und Christentum 279 jenigen, der als reifer Mensch diesen Schritt tut, eine entschiedene Unwahrheit in dem Bekenntnisse vorausgesetzt werden darf, und weil mit diesem Schritte weltliche Vorteile verknüpft sind, so liegt ein Odium auf dem Glaubenswechsel, das aus sich Zu nehmen, man keinem Menschen zumuten kann. Ich bin weit entfernt, denjenigen zu tadeln, der sich zu diesem Schritt entschließt; ich kann sogar die Stärke eines Patriotismus und eines Familiensinns bewundern, welche ein persönlich moralisches Martyrium auf sich nimmt, um die Kluft zwischen deutschen Staatsbürgern, jüdischer und deutscher Abkunft tilgen zu helfen mib für die Nachkommen die Schranke konfessioneller Verschiedenheit niederzureißeu. . Wir haben gesehen, daß diese von Hartmann und früher schon von andern empfohlene politische Auffassung des Uebertritts Zum Christentum von Gabriel Rießer in den 30er Jahren als der Jesu iLi sm u s d er Au fkl<xxun g bezeichnet wurde. Ich glaube, man Lut den Jesuiten unrech-L, wenn man eine solche Handlungsweise als Jesuitismus bezeichnet, wenn man ihnen ansinnt, daß sie den, der durch Unwahrheit sich Vorteile erkauft, als Märtyrer des Patriotismus und dos Familiensinns bewundern. Auf dem Marktplatz zu Bozen steht im Angesichts der herrlichsten Gottesnatur ein Denkmal mit einem Relief'für Peter von der Mahr, von dem gesagt ist, daß er sich habe hinrichten lassen, weil er es aöaelehnt habe, sein Leben und seine Freiheit durch eine Lüge Zu erkaufen, die ihm von dem französischen Obersten nahsgelegt war. So dachte ein Tiroler Bauer über Lüge und Treulosigkeit. Und wie ein Jude darüber denkt, mag uns Rießer sagen, der allerdings Eduard v. tzartmanns Schriften noch nicht gekannt hat. Wer, wi?e Eduard v. Hartmann, uns das ansinnt, wer kein Verständnis hat, daß Patriotismus und Familiensinn Zu allererst Treue verlangen, und daß es nichts Höheres gibt auf der Welt, als Treue und Wahrhaftigkeit, der hat das Recht verwirkt, an jüdischer Gesittung und Eigenart Kritik Zu üben. Zum Glück hat sich die geistige Strömung gewandüt. Die Schlag- Worte „Assimilation" und „Verschmelzung", „rückhaltloses, reststloses Aufgehen" haben ihre Werbekraft verloren. ITeBextrirt und Taufe sind wieder als Fahnenflucht und Treulosigkeit aebrandmarkt. Die heutige Welt weiß, daß man Treue nicht um Treue brechen darf und nicht zu brechen braucht, daß man dem Staats geben kann, was des Staates ist und doch Gott geben kann, was Gottes ist, daß die Rechte und Pflichten des Staatsbürgers unabhängig sein sollen von Glaube und Religion, daß es vielleicht nur eine Taufe gibt, welche die Nationalität einweiht (Rießer), das ist' die Bluttaufe des Schlachtfeldes. Die heutige Welt weiß, daß die nationale Verschmelzung sich mit sozialen Gruppierungen verträgt, daß der Begriff des Volkes nicht bloß durch objektive Merkmale, sondern auch durch subjektives Empfinden erfüllt wird, daß mein Volk diejenigen sind, die ich als mein Volk ansehe, mit denen ich geistig empfinde und fühle. Unser Blut hat sich mit dem ihrigen auf d e m S ch l a ch t f e l d e von Leipzig, Düppel, Königg r ä tz u n b G ravelotte ö c r m i s ch t. Auf deutschem Vaterlande, auf deutschem Boden sind wir, so sagte ich es bei der Dezenniumfeier unseres Centralvereins, geboren und werden wir, so Gott es will, dereinst begraben sein, und das berechtigt uns auch ohne Taufe, uns Deutsche Zu nennen. Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehören und werden ihm angehören. Dabei können wir und müssen wir unserer Glaubensgemeinschaft und unserer Stammesgeschichte treu bleiben. „Stolz in der Eigenart sein und treu festhalten" hat unlängst unser König mit Bezug auf die deutschen Stämme gesagt. Ein stolzes und edles Wort, für das wir ihm Dank wissen, und das'wir