Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1918)
- Article
- Deutschtum und Christentum
- Date
- 1918-07-01
- Page
- 277 (sequence 4)
- Language
- German
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Deutschtum und Christentum 277 gleichberechtigte Bürger angehören, sein Leben hingegeben! Der letzte Seufzer der Sterbenden wird nicht durch den Gedanken erheitert, daß ihre Waisen Kinder des Vaterlandes und, das ihnen den Vater geraubt; er kann ihnen nur ein Stiefvaterland hinterlassen, das sie, wo es ihre Rechte gilt, als Fremde betrachten möchte! Das ist das geltende Recht, das sind die Gesetze, die man vor eurem Gewissen, deutsche Gesetzgeber, durch künstliche Phrasen rechtfertigen will. Fragt euer Gewissen, es wird euch antworten .... Daß wir aber die Freiheit anders ausfassen, daß wir nach der Erlangung einer höheren Freiheit auf einem anderen Wege, als der ist, den man uns zeigt, mit allen Kräften ringen und streben und bis zum letzten Lebenshauch zu ringen und zu streben entschlossen sind, das ist es, glauben wir, was uns würdig macht, Deutsche zu sein und zu heißen. Die kräftigen Klänge deutscher Sprache, die Gesänge deutscher Dichter, haben in unserer Brust das heilige Feuer der Freiheit entzündet und genährt; der Hauch der Freiheit, der über die deutschen Gaue zog, har unsere schlummernden FreiheitshÖffnungen gewerkt, und manche frohe Aussicht ist ihnen schon seitdem geworden. Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehören, wir werden ihm aller Orten angehören. Es kann und darf und mag von uns alles fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist; willig werden wir ihm. alles opfern — nur Glauben und Treue, Wahrheit und Ehre nicht; denn Deutschlands Helden und Deutschlands Weise haben uns nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wird! . . . ." II. Fast zwei Meuschenalter später haben v. Treitschke und Eduard v. Hartrnaun die Paulusschen Gedankengänge wieder ausgenommen. Ich habe mich iw Jahre 1912 in meinem Vortrag zur Jahrhundertwende des Emauzipationsedikts („Im deutschen Reich" 1912 S. 398 f.) dazu folgendermaßen geäußert: 1. „Von Treitschke sagt: „Ich bin kein Anhänger der Lehre vom christlichen Staat, aber ganz unzweifelhaft sind wir Deutschen ein christliches Volk. Das Judentum dagegen ist die Nationalreligion eines ursprünglich fremden Stammes, seinem Wesen nach mehr zur Abwehr als zur Bekehrung geeignet und darum auch wesentlich auf die Stammesgenoffen beschränkt. An seiner Entwicklung nahmen die Deutschen durch die Jahrhunderte gar keinen Anteil. Seine Ideen, soweit sie nicht in das Christentum übergegangen sind, übten auf unfern Staat, unsere Gesinnung, unsere Gesittung gar keinen Einfluß. Wer angesichts dieser offenkundigen Tatsache behauptet, daß das Judentum in demselben Sinne deutsch sei, wie das Christentum, der versündigt sich an der Herrlichkeit der deutschen Geschichte." ... Welche Begriffsverwirrung! Ist bei uns der Begriff des christlichen Staates unhaltbar, so ist die Idee des christlichen Volkes erst recht falsch. Eine Volkskonfession gibt es nicht, bei uns am allerwenigsten. Unser Volk ist viel weniger eine Einheit als der Staat, und ist der Konfessionalisierung noch viel weniger fähig als der Staat Das Volk ist ein Gemisch von Individuen, von Christen und Juden, oder richtiger, da. es bloße Christen nicht gibt, da man von den historischen Erscheinungsformen des Christentums in seinen verschiedenen konfessionellen Ausgestaltungen gar nicht absehen kann, ein Gemisch von Katholiken, Protestanten Juden, Dissidenten, Baptisten, Mennvniten und Mitgliedern anderer Religionssekten. Wenn von Treitschke dem Volke also eine christliche Religion gibt, so sieht er einmal von den historischen Erscheinungssormen des Christentums in seinen verschiedenen konfessionellen' Ausgestaltungen ab. Er macht das Volk zum