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Im deutschen Reich · 1918-06-01 · Heft 6 (Juni 1918) · p. 238

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
24 (1918)
Issue
Heft 6 (Juni 1918)
Article
Hermann Cohen als Jude
Date
1918-06-01
Page
238 (sequence 6)
Language
German
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238 Im deutschen Reich Freigeist wie Friedrich der Große hat sich nicht dazu aufschwingen können, seine jüdischen Anwrtanen den übrigen Maatsbürgern gleichzustellen. Seinen Ausspruch, in seinen Staaten könne jeder nach seiner Fasson selig werden, hat er den Juden gegenüber nicht zur Tat gemacht. Alle jene mittelalterlichen Bestimmungen, durch welche die Juden überall verächtlich gemacht wurden, hob er nicht nur nicht auf, sondern er fügte neue Beschränkungen hinzu. Durch teuer erkaufte Schutzbriese mußten sie sich das Recht der Niederlassung erkaufen; nur ein einziges Kind dursten sie ansässig machen, erst später nach dem Siebenjährigen Kriege, deren zwei. Für diese Milderung ließ sich Friedrich der Große 70 000 Taler zahlen. Wie das Vieh mutzten sie sich auf Reisen an jedem Zollhause selbst verzollen. Sie ungestraft zu beschimvfen, war jedermann gestattet. Bei Heiraten und Konzessionen hatten sie aus der Kgl. Porzellanmanufaktur große Mengen unverkäuflich gebliebenen Porzellans zu hohen Preisen zu übernehmen. Bon wenigen Ausnahmen abgesehen, war ihnen nur der Handel, vornehmlich der Kleinhandel, gestattet. Ohnmächtig, sich ihr' Recht zu erkämpfen, klammerten sie sich um so zäher an ihre Familie und an ihren ehrwürdigen Glauben. Hatten sie doch kaum etwas anderes als notdürftig hebräisch schreiben und lesen gelernt. Die Lektüre eines deutschen Buches galt zurzeit, als Mendelssohn nach Berlin kam, noch als großer Frevel. E r war es, der nun die Sprachverderbnis seiner Glaubensgenossen beseitigte und sie zu deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens erzog. Mit ganz ungeahnter Schnelligkeit hoben sie sich zu einer solchen Höhe der Kultur, daß sie, die eben noch verachtet gewesenen Juden, nach wenigen Jahren in christlichen Kreisen die Verallgemeinerung der Bildung zu fördern ansinaen. Geistvolle Juden, namentlich Frauen und junge Mädchen, schufen in Berlin jene als „Salons" bekannten Vereinigungen, welche der Reichshauptstadt ein ganz besonderes Gepräge gaben und auch auf die Provinz anregend wirkten. In dieser Zeit und unter solchen Eindrücken trat Wilhelm von Humboldt in die öffentliche Erscheinung. Geboren am 22. Juni 1767 in Potsdam, erhielt er nach dem frühzeitigen Tode des Vaters, der im Siebenjährigen Kriege Major und Adjutant des Herzogs Ferdinand von Braunschweig gewesen war, mit seinem Bruder Alexander von Humboldt in Tegel und in Berlin eine vortreffliche Erziehung. Die Mutter war eine nüchterne, kalte Natur, die mit den Söhnen keine innerliche Fühlung hatte. Nur das eine große Verdienst ist ihr zuzuerkennen, daß sie den Söhnen vorzügliche Lehrer gab und hierfür, obwohl sie sonst eine sehr sparsame Frau war, keinerlei Ausgaben scheute. Da die Erzieher der Humboldtschen Brüder, der berühmte Pädagoge Joachim Campe und namentlich Kunth, der spätere geheime Staatsrat, dem L e s s i n g - M e n d e l s f o h n s ch e n Kreise angehörten, wurden die Heranwachsenden Jünglinge natürlich dort eingeführt und nahmen mit Begeisterung an den anregenden Gesellschaften teil, in denen stets die neuesten Erscheinungen in Kunst und Literatur erörtert wurden. Geistvolle Jüdinnen hatten in diesem Kreise die führende Rolle: da war zu-

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