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Im deutschen Reich · 1918-05-01 · Heft 5 (Mai 1918) · p. 202

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
24 (1918)
Issue
Heft 5 (Mai 1918)
Article
Kritische Bemerkungen
Date
1918-05-01
Page
202 (sequence 4)
Language
German
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202 Im deutschen Reich kann man nicht so einfach dem Juden die Abkehr vom Hände! predigen, ebensowenig wie man ihm von anderen Berufen wie etwa dem juristischen abraten könnte oder sollte, weil die Gegner vielleicht eines Tages diese Forderung aufstellen. Wenn nun jetzt wirklich die Juden zahlreich als Landarbeiter und Tagelöhner sich betätigen würden und sie würden sich dann dereinst zu wohlhabenden Gutsbesitzern heraufarbeiten, würden dann die Antisemiten nicht erst recht unzufrieden sein? Man sollte nicht auf jede ihre Forderung gutgläubig und gutwillig eingehen, anstatt mit Augurenlächeln daran vorbeizugehen, denn ihre Motive sind eben psychologisch ja doch klar und durchsichtig. Ist es wirklich notwendig, wenn man ausführlich und von verschiedenen Seiten (siehe letztes Januarheft) einem Tagesschriftsteüer antwortet, der jetzt von jedem Juden die Beantwortung zweier Fragen klipp und klar verlangt, bevor er ihm seine deutsche Gesinnung glauben und ihm vollkommene Gleichberechtigung konzedieren will? Hat jetzt jemand, bloß die Feder in der Hand, wirklich das Recht, solche Beweise von den vielen toten und Lebenden Juden zu fordern, die. das Gewehr in Händen, im Felde fielen oder stehen? Wer darf andere mit Fragen behelligen, die er sich selbst erst stellen sollte? Hier liegt eine der Wurzeln des Antisemitismus: Bon Anderen Pflichten um so lauter zu heischen, weil man sie selbst nicht Lun mag. Mit dieser lauten Selbstsicherheit täuscht man die Menge und sich selbst über seine Befähigung, der Richter anderer sein zu können. Und wenn dann das Gewissen doch einmal schlägt, beruhigt man es schnell: „Ja Jude, das ist ganz etwas anderes!" * Der geschätzte Herr Verfasser betrachtet die Tätigkeit der Antisemiten von einer hohen Warte, zu der die Kämpfe auf ebener Erve nur gedämpft hinaustosen dürfen. Wir wissen, daß er dort oben nicht allein steht und daß viele, gerade geistig bedeutsame Persönlichkeiten die Kämpfe mit kleineren Geistern und manchem struppigen Burschen nicht nur geringschätzen, sondern auch für nutzlos halten. Sie blicken auf die große Linie der Geschehnisse, auf die schwer aufzuhaltenden Strömungen der geschichtlichen Entwicklung und sagen: „Wozu diese Faustkämpfe? Wozu das Zausen eines tollen Menschen, der die Juden beschimpft? Wozu das Zurechtweisen eines Tagesschriftstellers, der von der richtigen Beantwortung zweier Fragen die Gleichberechtigung der deutschen Juden abhängig machen will? Wir tun unsere Arbeit, erfüllen unsere Pflicht und kümmern uns nicht um Leute, denen wir es doch niemals recht machen können." Wir verstehen eine solche Auffassung, können sie aber nicht billigen, und weil mit uns viele Tausende und Zehntausend^ von Juden sie nicht billigen, konnte der Centralverein zu jener Ausdehnung in Breite und Tiefe anwachsen, die er erreicht hat. Ohne den Kleinkampf, ohne durchdringende, intensive voran-

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