Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1918-04-01 · Heft 4 (April 1918) · p. 154

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
24 (1918)
Issue
Heft 4 (April 1918)
Article
Zu Hermann Cohens Gedächtnis
Date
1918-04-01
Page
154 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2316602-2316876-2316880-2353891--28485-2353971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

164 Im deutschen Reich methodische Arbeit des Denkens konnte nur bestätigen, was sie erschaut, konnte ihre Frömmigkeit nur als den ewigen Ausdruck des religiösen Bewußtseins der Menschheit beglaubigen. In seiner Stellung zum prophetischen Judentum offenbart sich am edelsten die Verbindung von Pietät und Freiheit, die Cohens Verhältnis zur Geschichte kennzeichnet. Auch als religiöser Denker ist er der freie kritische Philosoph geblieben. Aber ohne sich auch der ehrwürdigsten Vergangenheit dogmatisch gefangen zu geben, hat er sich den ewigen, menschheitlichen Gehalt der jüdischen Frömmigkeit ganz zu eigen gemacht und sich in tiefster Hingabe zu ihm bekannt. Durch die ganze Geschichte des Judentums hat er die Grundgedanken der jüdischen Sittlichkeit und die Eigenart des jüdischen Gottesgedankens verfolgt und die Einheit des jüdischen Geistes von den Propheten bis zu den Lehrern des Talmuds und den Denkern des jüdischen Mittelalters erleuchtend nachgewiesen. Dem modernen Judentum hat er so sein religiöses Selbstgefühl, das gerade bei den Gebildeten so tief erschüttert war, neu gestärkt. Das Judentum erwies sich ihm nicht als eine bloße Vorstufe der christlichen Wahrheit, sondern als eigene Ausprägung des religiösen Bewußtseins, der die Kraft ihrer Wahrheit die Zukunft verbürgt. Mit einem Mute, den kein moderner jüdischer Denker vor ihm besaß, hat er auch die Auseinandersetzung mit dem Christentum nicht gescheut. Die Tiefe des Verständnisses, mit dem er in die Motive christlicher Frömmigkeit eindrang, die Freiheit, mit der er ihre Größe zu würdigen verstand, haben es vermocht, daß diese Auseinandersetzung ihren tiefen Eindruck auch auf die christliche Theologie nicht verfehlte und mit einem Ernst von ihr ausgenommen wurde, mit dem noch kein Vertreter des Judentums angehört worden war. Den Kampf des deutschen Judentums um seine Gleichberechtigung hat Cohen in dem höchsten Sinne eines Kampfes um die religiöse Gleichberechtigung des Judentums mit geführt. Mit tiefer Einsicht hat er erkannt, daß das politische Recht der deutschen Judenheit nur durch die Anerkennung ihrer geistigen und religiösen Ebenbürtigkeit gesichert werden kann. So hat er die Muße seines Alters daran gesetzt, die geistigen Kräfte des Judentums zu erneuen und seine Wissenschaft zur Höhe ihres geschichtlichen Berufes emporzuheben. Nachdem er sein Lehramt an der Marburger Universität niedergelegt, hat er an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums eine neue segensvolle Lehr- Wtigkeit im Dienste jüdischer Kultur und Wissenschaft auf sich genommen. Von der Höhe seiner philosophischen und geschichtlichen Einsicht hat er zu allen Fragen, welche die jüdische Gegenwart bewegten, Stellung genommen, und, ein echter Philosoph, den Tag

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.