Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 4 (April 1918)
- Article
- Zu Hermann Cohens Gedächtnis
- Date
- 1918-04-01
- Page
- 151 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316876-2316880-2353891--28482-2353968- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zu Hermann Cohens Gedächtnis 151 setzungen und Gründen der Geltung der Erkenntnis unterschied. Den Vorgang des Erkennens aus seine Ursachen zurückzuführen, ist Angelegenheit der empirischen Forschung. Der Philosophie aber bleibt die fundamentalere Ausgabe, den logischen Zusammenhang der Erkenntnis zu begreifen, die Voraussetzungen aufzuzeigen, auf denen die Wahrheit der Erkenntnisse beruht. Sie weift nach, daß die Erfahrung als Ganzes auf einem System von Prinzipien beruht, die von keiner Erfahrrmgswiflenschaft begründet werden können, weil sie bereits in dem Gedanken der Erfahrung mitgedacht sind. Als Wissenschaft von den objektiven Bedingungen des Bewußtseins hat' Cohen die Philosophie ausgebaut und hat ihr damit die Richtung gewiesen, die sich in den seither verflossenen Jahrzehnten immer durchschlagender in ihrer Ueberlegenheit herausgestellt hat. Auch solche Denker, die in der Stellung zu den philosophischen Einzelfragen weit von Cohen abstehen, sind doch in der Richtung ihres Philosophierens ganz und gar durch die sion ihm ausgehende Wendung in der methodischen Grundeinftellung bestimmt. Der Gesichtspunkt, unter dem,Cohen die Kantische Lehre erneuert hat, offenbart bereits die Freiheit, mit der er dem System Kants in seiner geschichtlichen Zufälligkeit gegenüberstand. Wohl durfte er selbst sich daraus berufen, daß ihm das Verständnis Kants in genauester philologischer Erforschung der Kantischen Texte erwachsen sei. Aber es war ein seltsames Mißverständnis, wenn man seine Deutung Kants in dem Wesentlichen ihrer Leistung als „Kantphilologie" charakterisieren zu können glaubte. In Wirklichkeit hat er von Anfang an aus der Mannigfaltigkeit gedanklicher Motive, die sich in dem System Kants durchkreuzen, die zentralen und vorwärtsweisenden herausgehoben und mit außerordentlicher Kühnheit gegenüber der geschichtlichen Gestalt des Systems von ihnen aus den Zusammenhang der Kantischen Lehre auszubauen unternommen. So stellen bereits seine Arbeiten über Kant eine bedeutsame Weiterbildung der Kantischen Lehre dar. Sie sind bereits von der Einsicht beherrscht, daß die Rückkehr zu der Methode Kants nicht ein Stehenbleiben bei seinen Einzelpositionen bedeutet, daß diese Methode sich vielmehrin ihrer Fähigkeit zu bewahren hat, der fortschreitenden philosophischen Arbeit eine sichere und eindeutige Richtung vorzuschreiben. Cohen hat deshalb seine Arbeiten über Kant nicht desavouiert, wenn er in dem eigenen System der Philosophie, in dem er mit bewundernswerter gedanklicher Energie die Summe seiner Lebensarbeit zog, sich auch in Punkten von grundsätzlicher Wichtigkeit in ausgesprochenen Gegensatz zu Kant stellt. Er blieb nur dem Sinne, in dem er sich als Kantianer fühlte, treu, wenn er über Kant hinausging, und er hat auch den monumentalen Bau seines Systems auf den methodischen Grundlagen der