Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 4 (April 1918)
- Article
- Gemeinbürgschaft
- Date
- 1918-04-01
- Page
- 148 (sequence 4)
- Language
- German
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148 Im deutschen Reich Ostgrenze vor sich geht, liegt uns sehr daran, daß die Jude» des Ostens nicht weiter in Elend, Armut und Unwissenheit hinabgepreßt werden, daß sie Gelegenheit haben, sich aus ihrer jammervollen Lage emporzuarbeiten zu höherer Bildung, zu höherem Wohlstände und der mit beiden verbundenen höheren Sittlichkeit. Da wir aber zum Glück noch nicht gänzlich sind, wozu uns Herr Fritz gern machen möchte, Passivbürger Deutschlands, so haben wir auch als seine Aktivbürger sehr lebhaftes Interesse an der Erhaltung und Hebung des Ostjudentums. Weil Deutsch unsere Muttersprache ist, liegt uns als Deutschen, durchaus nicht als Juden, nur als Deutschen, am Herzen, daßder größte deutsche Dialekt, das zu Unrecht verhöhnte alt-oberdeutsche „Jiddisch", nicht ins Meer des Slawentums versinke; weil uns Deutschlands Wohlfahrt am Herzen liegt, wünschen wir als Deutsche, durchaus nicht als Juden, daß die Millionen und Millionen deutschverstehender Menschen, der Handelsstand par exLslIenae des Ostens, der bis tief nach China hinein und bis in die Hinterländer Vorderasiens überall seine Vertreter hat, zu Wohlstand und westeuropäischer Kaufmannsmoral erzogen werde, um seine weltgeschichtliche Rolle als Pionier für Industrie und Handel unseres Vaterlandes so freudig und so wirksam wie möglich zu erfüllen; und weil uns als Deutschen, durchaus nicht als Juden, Deutschlands Name und Ehre in der Welt vor allem am Herzen liegt, darum wünschen wir, daß unser Vaterland, unser Vaterland, Herr Geheimrat Georg Fritz! der Welt vorangehe in einem Werke der Kultur, der Erlösung eines berühmten, um die Kultur der Welt hochverdienten Stammes, der unter der Torheit und Bosheit der Menschen schwerer und unverdienter gelitten hat als irgendein anderer. Und wir deutschen Juden sind schließlich auch noch, über unsere Abstammung, unseren Glauben und unsere Staatsangehörigkeit fort, Menschen und empfinden als Menschen das Recht und die Psiicht, uns des Leidens und der Not überall anzunehmen, wo sie uns entgegentrelen. Wir empfinden dieses Recht und diese Psiicht vielleicht stärker als andere, und haben ja auch den Ruf, besonders freigebig zu sein, wo Not ruft, weil wir alle, auch die Gehobenen unter uns, besser wissen, was Leid und Druck und Not und Erniedrigung zu bedeuten haben. Das sind die Interessen, die wir am Ostjudenproblem haben: als Juden, als Deutsche, als deutsche Juden, als jüdische Deutsche und als Menschen schlechthin. Und ist es kein einziges Teilinteresse dabei, das uns gegenüber den deutschen Staatsbelangen befangen macht oder machen müßte. Und es ist keine „Gemeinbürgschaft" dadurch begründet, die es fordert, daß man uns unter besonderes" Staatsbürgerrecht zu stellen hat.