Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 3 (März 1918)
- Article
- Mehr Aufklärung!
- Date
- 1918-03-01
- Page
- 114 (sequence 3)
- Language
- German
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Im deutschen Reich -114 beu, d aß b i e Zugang L ichkeir gebildeter und son st vorurteilsloser christlicher Kreise gegenüber -antisemitischen Entstellungen der jüdischen Religion und Ethik nicht zuletzt tu ber mangelnden AufklärungstLLigkeit d er deutschen Juden selbst ihren Grund hat. Häufig empfindet der deutsche Christ im Juden nur deshalb etwas Fremdes, weil er für das Verhalten des Juden Ln religiösen Dingen keine Erklärung bekommt. Man hat in le^ter Zeit den Welthaß gegenüber dem Deutschen mit dem Antisemitismus nicht mit Unrecht in Vergleich gestellt. Unkenntnis und Verleumdung sind die U r 's a ch e n hier und dort. Aber während wir Deutsche die Unkenntnis unseren Feinden zum Vorwurf machen und von insularer Beschränktheit oder blindem Revanchegeist sprechen können, kann die mangelnde Kenntnis jüdischen Wesens innerhalb des deutschen Volkes seinen Grund nur darin haben, daß von uns Juden dem Wunsch nach Aufklärung bisher nicht in genügender Weise Rechnung getragen worden ist. Dem Gifte der Hammerflugblätter mit Gegenflugblättern zu begegnen, ist ebenso aussichtslos, wie es etwa die berühmten Kundgebungen der deutschen Professoren an das neutrale Ausland waren. Wenn ein Chamberlain in seinen Kriegsaufsätzen erwähnt, daß der Haß etwas Undeutsches fei und daß Lisiauer einem Volke entstamme, in dessen Seele der Haß schon von Anfang an durch seine Religion großgezüchtet worden sei, so gilt dieser Satz so lange als Wahrheit, bis klipp und klar das Gegenteil erwiesen ist. Und wenn nun diesem Leser wirklich von jüdischer Seite eine Broschüre zugesandt wird, in der von allen den zahllosen Aussprüchen der Bibel und des Talmud über Nächstenliebe hundert aneinandergereiht sind, so wird das nichts oder doch nicht dauernd und gründlich Helsen. Erst wenn die gesamte alte jüdische Literatur, obenan der Talmud, in wissenschaftlich tadelfreier Uebersetzuüg bei Reclam in Zwanzigpsennigbändchen erscheint, ist es mit der Lehre von der jüdischen Geheimwissenschast zu Ende. Nun wirdvon Kennern der talmudischen Literatur von vornherein auf die Unmöglichkeit und Undurchführbarkeit eines solchen Unternehmens hingewiesen, ja, eine wörtliche Uebersetzung muß nach der Ansicht der Sachverständigen neue Mißverständnisse hervorrusew Mag sein. Aber mehr, als bisher auf diesem Gebiet geschehen ist, kann und muß geschehen. In den Sammlungen „Göschen", „Aus Natur und Geisteswelt", „Wissenschaft und Bildung" ist Platz für gemeinverständliche Darstellungen der klassischen jüdischen Religionsbücher auf streng wissenschaftlicher Grundlage, und um die erste Herausgabe einzelner zusammengestellter Traktate aus dem Talmud würden sich die Verleger deutscher schöngeistiger Literatur reißen. Mit demselben Erfolg, wie jetzt Sagen der Ostjuden von deutschen Verlagshäusern der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden, könnte das mit der uralten Weisheit unserer Väter aus Babylon und Jerusalem geschehen. Der Deutsche, der sich an der Hand der „Jüdischen Geschichten" von Perez, oie bekanntlich in der Jnselbücherei erschienen sind, über den Chassidismus unterrichtet, wird sich erst recht die Zeit nehmen, die ewige Weisheit der alten Rabbinen auf sich wirken zu lassen, die aus dem