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Im deutschen Reich · 1918-03-01 · Heft 3 (März 1918) · p. 113

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
24 (1918)
Issue
Heft 3 (März 1918)
Article
Mehr Aufklärung!
Date
1918-03-01
Page
113 (sequence 2)
Language
German
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Mehr Aufklärung ■113 Juden wie Nichtjuden in gleicher Weise streben, liegt auf ganz anderem. Gebiete. Wenn so viele deutsche Nichtjuden, die in der Beurteilung aller anderen politischen und sozialen Fragen sich von wissenschaftlichem Ernst leiten lassen und von demagogischem Verhetzungswerk sich fernhalten, in ihrer Stellung zur Judenfrage einfach kritiklos sich die Wissenschaft eines Chamberlain oder Sombart zu eigen machen, wenn man heute im besetzten Polen von deutschen Offizieren und Richtern, deren Streben nach Unparteilichkeit über jeden Zweifel erhaben ist, mit allem Ernst das Lügenmärchen aussprechen hört, in irgendeinem jüdischen Lehrbuch sei der Meineid unter gewissen eigenartigen Vorbehalten für erlaubt erklärt, so liegt die Schuld für solche Vorurteile keineswegs an den betreffenden Persönlichkeiten. Wir erleben immer wieder das Schauspiel, daß soiist vielseitig gebildete deutsche Juden von ihren christlichen Bekannten über irgendwelche jüdische Angelegenheiten um Aufklärung gebeten werden, und daß sie dann verlegen antworten: „Wir wissen selbst nichts darüber." Und der deutsche Christ, der sich einmal vorgenommen hat, den jüdischen Dingen auf den Grund zu gehen, weil er es nicht glauben will, daß die Juden wirklich böse Geheimlehren haben, die allen Nichtjuden verschlossen sind, stellt feine Fragen mit deutscher Gründlichkeit. Ich kenne christliche Studenten, die die neueste im Buchhandel verbreitete jüdische Literatur mit einem Eifer verfolgen, der dem jüdischen Studenten alle Ehre machen würde. Meist bekommen sie ein schiefes Bild, weil sie den Quellen nicht nachgehen können. „Gibt es vom Talmud eine deutsche Uebersetzung?" „O ja, einzelne Traktate sind meines Wissens übersetzt." „Warum nicht der ganzes Wo ist die Uebersetzung erschienen? Ich möchte sie beim Buchhändler sofort bestellen. Mehr als drei Mark wird sie wohl nicht kosten? Haben Sie selbst den Talmud gelesen? Können Sie mir wenigstens eine einzige kleine ■ Geschichte/ aus dem Talmud erzählen, damit ich einen Begriff bekomme, wie dieses seltsame Buch eigentlich abgesatzt ist? Bis jetzt kenne ich nur ein Hammerflugblatt, das mir einmal in die Hände gefallen ist und recht böse Dinge über den Talmud zu erzählen weiß; da scheint doch wohl aber nicht alles zu stimmen?" „Fritsch hat falsch übersetzt*), und ich kann Ihnen ein Gegenflugblatt des „Centralvereins" zur Verfügung stellen, wenn Sie glauben, daß es Ihnen ohne Kenntnis des Hebräischen genügende Aufklärung geben kann. Im übrigen muß ich gestehen, daß auch meine Wissenschaft über den Talmud mit diesen Flugblättern erschöpft ist." So liegen heute die Verhältnisse. Zu zählen sind die jüdischen Väter, die ihren Söhnen eine einigermaßen richtige Vorstellung von der Eigenart des jüdischen geistigen und religiösen Lebens geben können. In der jüdischen Jugend ist aber gerade jetzt durch den Krieg der Wissensdrang stärker als je und ihre Bedürfnisse fallen mit dem Verlangen der Nichtjuden nach Aufklärung zusammen. Es muß einmal in einer jüdischen Zeitschrift offen ausgesprochen wer- *) Fritsch hat gar nicht übersetzt, denn er hat schwerlich je einen Talmud-Folianten gesehen, und er kann sicherlich kein Wort in ihm lesen. Er hat'eben nur abgeschrieöen, was andere — sagen wir üöerhöslich — verdreht und entstellt haben.

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