Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1918-03-01 · Heft 3 (März 1918) · p. 108

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
24 (1918)
Issue
Heft 3 (März 1918)
Article
[Ohne Titel] / J. Sch.
Date
1918-03-01
Page
108 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
address
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2316602-2316876-2316879--28366-2353821
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

108 Im deutschen Reich Herr von Wangenheim und seine jubelnden Bündler hatten nicht daran gedacht, daß Preußens Zusammenbruch erfolgt war, weil das Junkerregiment Preußen entsittlicht hatte; auch nicht daran, daß es zu damaliger Zeit einen verseuchenden Einfluß des Judentums nicht gegeben hat. Sie haben auch nicht daran gedacht, daß schon damals von gesinnungsverwandter Seite das Wort vom „Judenstaat" siel, weil auch den damaligen Junkern Ideen wie Bauernbefreiung, Selbstverwaltung genau so in der Seele verhaßt waren wie den heutigen agrarischen Bündlern jeder innerpolitische Fortschritt, der auch den Juden Gerechtigkeit verheißt. Der damalige „Judenstaat" hat Napoleons Fremdherrschaft abgeschüttelt. ¥r In jener Bündlerversammlung von 1912, in der offiziell der veredelte Antisemitismus des Herrn Fritsch empfohlen wurde, war überhaupt eine radauantisemitische Stimmung zu bemerken. Stets war der Beifall am Lobendsten, wenn ein Angriff gegen die Juden erfolgte. Als Dr.. Diederich Hahn (der eigentlich Christian Hahn hieß) von dem unbequemen Hanfabund sprach und aus der Versammlung wieder einmal der Zuruf „Juden" laut wurde, sagte er: „Ich bitte den verehrten Herrn, der diesen Zuruf machte, das Wort Jude nicht zu oft zu gebrauchen, damit nicht die Presse, wenigstens die uns feindlich gesinnte Presse, auf Grund eines Wortes (!) unsereVersammlung als antisemitische R ad au v erfa mml u n g bezeichne. Wir können gar nicht vornehm und vorsichtig genug sein." — Also sprach pfiffig Dr. Christian Diederich Hahn, ein Demagoge—(sit venia verbo) reinsten Wassers. Und gleich danach erklärte Herr von Oldenburg-Januschau, jene wertvolle Persönlichkeit, die offenherzig und furchtlos das ausspricht, was seine Freunde verhüllen wollen: „Wer vom Juden ißt, stirbt daran. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Wahlkampf, den wir hinter uns haben, ein Kampf des internationalen Judentums gegen den christlichen monarchischen Staat war." Herr von Oldenburg erfreut sich noch robuster Gesundheit, und wir wünschen ihm noch für lange Zeit seine frische Urwüchsigkeit, die Böses will und Gutes schafft. Dr. Diederich Hahn jedoch ist im Februar ins Grab gesunken. Der Mann ohne Ar und Halm hatte stets zu den großen Zugnummern der antisemitischen Bündlerparaden in den Zirkusräumen gehört. Gerade der Jubiläumsversammlung des Bundes mußte er wegen schwerer Krankheit fernbleiben, und bald darauf schloß er die Augen. Wir wollen ihm, obwohl er Zeit seines Lebens ein rücksichtsloser Kämpfer und der Letzte war, der irgendwelche Sentimentalitäten gelten ließ, heute keinen Stein nachwerfen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.