Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 3 (März 1918)
- Article
- Antisemitismus und Religion
- Date
- 1918-03-01
- Page
- 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Antisemitismus und Religion lOL einen Seite schwärmen sie für alten deutschen heidnischen Götterkult. Selbst gemäßigte Stimmen reden von einem „deutschen" Christentum, das sie in einen Gegensatz zum „römischen" Christentum bringen, und weisen diesem deutschen Christentum die Aufgabe zu, auch den Wodanskult und andere heidnische Einrichtungen zu pflegen. Andererseits aber kommt die offene Feindseligkeit gegen das herrschende Christentum zu einem scharfen Ausdruck. Wenn Eugen Dühring das Christentum eine „Schmach des Jahrtausends" nennt und auf den „Einfluß der verderblichen Jesuslehre" eine „tiefgehende Verseuchung des Geistes der modernen Völker" zurückführt, wenn Paul Förster vom deutschen Volke sagt, es fei unter dem Einfluß des Christentums zu einem „Jammervolle" geworden, wenn Wilhelm Mahr das Christentum einen Baum nennt, der nur „Früchte des Todes getragen habe", wenn Theodor Fritsch das vorchristliche Germanentum für „viel mannhafter und sittlich gesünder" hält, als das „durch die römische Kirche verweichlichte und gefälschte Christentum", so mögen diese wenigen Beispiele, die man aus rassenantisemitischen Schriften und Tageszeitungen beliebig vermehren kann, auch praktisch erweisen, daß der Antisemitismus in konsequenter Fortentwicklung die Religion untergraben muß. Man soll nicht vermeinen, daß diese oft grotesken Versuche von Zwergen, einen Riesen zu fällen, mit der vornehmen Verachtung des stark sich Fühlenden abgetan werden können. Gewiß ist das religiöse Bewußtsein im deutschen Volk bei allen Konfessionen so stark und lebendig, gewiß ist es derart die Grundlage unserer gesamten Kulturarbeit geworden, daß jeder Angriff von vornherein zur Erfolglosigkeit verdammt erscheint. Auch die stärkste Macht ist aber vor Untergrabung und Zerstörung nicht sicher, und dem schlichten, starken, religiösen Geiste sind so v i e l e Gegner erstanden, daß sie in ihrer Vereinigung recht gefährlich werden können. Die Kultur der Menschheit weist eine fortgesetzte Geschichte von Minoritäten auf, welche sich durch die Gunst des Schicksals und eigene Zähigkeit in beherrschende Majoritäten verwandelt haben. Und was so mancher zur Macht gelangten Minderheit an innerer Wahrheit und sittlicher Größe fehlt, hat sie durch rührige und skrupellose Propaganda ersetzt. Erfolg ist leider nicht immer ein Beweis für die Größe der in einer Bewegung schlummernden sittlichen Idee! Der Antisemitismus mag ttotz aller zu seinen Zwecken gebildeten Organisattonen und konkreten Parteien weit von dem Ziele entfernt sein, eine Mehrheit zu bilden, seine Einflüsse aber ersttecken sich in alle Gebiete des Lebens hinein. Von welchen Richtungen her sie auch kommen mögen, sie streben nach e i n e m Punkte zusammen, und die vielgestaltigen und vielnamigen Sonderbestrebungen, die sich oft gegenseitig in der praktischen Politik des Tages erbittert be-