Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 3 (März 1918)
- Article
- Antisemitismus und Religion
- Date
- 1918-03-01
- Page
- 104 (sequence 8)
- Language
- German
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104 Im deutschen Reich kämpfen müssen, stimmen doch alle in der einen Wirkung überein, daß sie den gesunden religiösen Geist, die Grundlage des Kulturstrebens im Volke zu vernichten drohen. Darum ist der Antisemitismus nicht eine Frage des Judentums und nicht eine des Christentums allein, sondern sie berührt das Gefüge des Staatslebens, sie berührt die Grundlagen der Kultur und ihre Sicherung. Und wenn man bedenkt, daß der Antisemitismus, obwohl er eine Anzahl von Juden zum Abfall veranlassen konnte, zur-inneren Stärkung des Judentums unendlich viel beigetragen hat, indem er den Juden zur einheitlichen Sammlung, zur Selbstbesinnung, zur Vertiefung und zum festen Glauben an die Zukunft verhalf, so wird der an sich paradoxe Gedanke nicht unrichtig erscheinen, daß nicht der Gegner, gegen den er Vernichtung predigt, der eigentliche Leidtragende ist, sondern daß er die Interessen schädigt, für die er in den Kampf zu ziehen vorgibt. Denn keinen schlimmeren Dienst wird man dem deutschen Volke und feiner Kultur erweisen können, als wenn man das festeste Bollwerk seiner inneren Kraft und feiner Zukunft untergräbt: seine religiöse Gesinnung! Die Deutsche Vaterlandspartei «ud der Antisemitismus. Mitglieder des Centralvereins aus verschiedenen Gegenden des Reiches haben den Vorstand des Centralvereins ungefragt, ob sie der Deutschen Vaterlandspartei beitreten können, ohne ihrer Würde und Ehre als Juden etwas zu vergeben. Einige teilten uns mit, daß ihnen ein Sitz im Vorstand der betreffenden Ortsgruppe angeboren worden sei. Die Leitung des Centralvereins konnte eine generelle Anweisung nicht geben, da die Verhältnisse in der Deutschen Vaterlandspartei nicht geklärt waren. Unter führenden Persönlichkeiten der Vaterlandspartei befinden sich anerkannte Antisemiten, vielfach wurden auch Kundgebungen der Vaterlandspartei zu judenfeindlichen Ausfällen benutzt. Der Vorstand hiüt es schließlich im Interesse einer für beide Teile ersprießlichen Klärung für zweckmäßig, sich unmittelbar an den ersten Vorsitzenden der Vaterlandspartei, Großadmiral von Tirpitz, zu wenden. In einem längeren Schreiben vom 29. Januar wies der Centralverein auf gewisse antisemitische Vorkommnisse innerhalb der Vaterlands- Partei hin und richtete am Schluß die Bitte an Herrn von Tirpitz, mitteilen zu wollen, „ob derartige antisemitische Ausschreitungen, die in einer Zeit, wo mehr denn je das ganze deutsche Volk geeint im Siegeswillen zusammenstehen mutz, um die Früchte der Erfolge eines Hindenburg und Ludendorff zu ernten, von dem Vorstande der Vaterlandspartei gebilligt werden, und ob der Vorstand der Vaterlandspartei bereit und imstande ist, derartige