Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 3 (März 1918)
- Article
- Antisemitismus und Religion
- Date
- 1918-03-01
- Page
- 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Im deutschen Reich ... theorie noch aus einem anderen Grunde von besonderer Bedeutung. Die religiösen Urkunden des Christentums beruhen auf der Grundlage der jüdischen Bibel, und der Einfluß des Judentums auf wichtige Seiten der christlichen Religion, so insbesondere auf die Ethik, ist unbestreitbar. Ein mit Folgerichtigkeit geführter Feldzug gegen das Judentum und seine urkundlichen Voraussetzungen muß demgemäß auch auf das Christentum übergreifen und zu einer gegnerischen Stellungnahme oder zum mindesten zu einer Auseinandersetzung zwingen. Und dem ist auch tatsächlich so. Der Rassenantisemitismus hat schon früh empfunden, daß er hierin Klarheit schaffen müsse, und verschiedene Lösungen sind vorgeschlagen worden, um einen Ausweg aus den Schwierigkeiten zu finden. Man hat versucht, im Gegensatz zu den direkten Aussagen der heiligen Schriften des Christentums, die gesamte christliche Religion und ihren Stifter aus dem Judentum herauszuheben und ihren arischen Charakter zu erweisen. In oft grotesk anmutenden Gedankengängen ist von den verschiedensten Seiten — auch der in manchen Fragen ernster zu nehmende Chamberlain gehört dazu — haarscharf bewiesen worden, daß Jesus ein Arier, wenn nicht ein Germane war! Max B e w e r weiß sogar zu bestimmen, daß Jesus niederdeutschen Ursprungs ist! Auf diese Weise hat man es systematisch unternommen, alles, was in den Schriften des Alten und Neuen Testaments erhaben und groß anmutet, auf nichtjüdischen Ursprung zurückzuführen. Und den Gipfel erreicht hierin der vorhin erwähnte Max Bewer, wenn er sogar die Makkabäer, die gewiß typischen Vertreter altjüdischen Nationalstolzes, zu Ariern stempelt! Andere haben den Widerspruch zu lösen versucht, indem sie den für jeden Fachgelehrten sofort unsinnig erscheinenden Versuch unternommen haben, eine Rafsenscheidung zwischen Juden und Israeliten vorzunehmen, um diesen — den Ariern —alles Gute und jenen — den Semiten — alles Böse in die Schuhe zu schieben. Daß derartige Spielereien — denen übrigens namhafte Vertreter der christlichen Theologie beider Konfessionen scharf entgegengetreten sind — nicht gelingen können, ist selbstverständlich. Schließlich ist auch den eigenen Anhängern die Torheit solcher Willkür aufgegangen, und die folgerichtig Denkenden haben die letzten Folgerungen gezogen. Ihr Rassenantisemitismus hat sie schließlich mit Notwendigkeit dahin geführt, daß sie das Christentum einfach verworfen haben. Konsequente Rasfenantisemiten bekennen sich offen als seine Feinde. Schon Paul de Lagarde hat bekanntlich seiner Abneigung gegen das Christentum recht deutlichen Ausdruck gegeben, und die kleineren Geister, die nach ihm kamen, die heute noch den Rassenantisemitismus beherrschen, legen sich in ihren Aeußerungen noch weniger Zwang an. Auf der