Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 24 (1918)
- Issue
- Heft 3 (März 1918)
- Article
- Antisemitismus und Religion
- Date
- 1918-03-01
- Page
- 101 (sequence 5)
- Language
- German
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Antisemitismus und Religion 101 bensformen und Dogmen gebildet wird, sondern durch das formelle Bewußtsein, daß im starken Glauben und in den aus dieser Grundlage erwachsenen Handlungen allein die Gesundheit des Volksganzen verbürgt ist. Gegen diese Erkenntnis und damit gegen die Volksmoral wie gegen das feste, gesunde Gefüge des Staates verrichtet aber der Antisemitismus verheerende Arbeit. Denn ohne ihn wäre ein Uebertritt aus anderen Gründen als denen der Ueberzeugung undenkbar. Und wenn in unseren Tagen diese Tendenzen sich dem Beobachter stärker ausdrängen als früher, so liegt das daran, daß der herrschende Rassen antisemitismus zu diesen allgemeinen religionsfeindlichen Folgen noch Wirkungen von besonderer Deutlichkeit fügt. Der Rassenantisemitismus Chamberlainscher Richtung, der, von dem Dogma des Rassen wertes ausgehend, die tüchtigen arischen Rassen den wertlosen nichtarischen, wozu auch die semitische gehört, gegenüberstellt, der innerhalb der arischen Rassen den Germanen im Gegensatz zu Romanen und Slawen die erste Stelle anweist, ist zunächst darin ein schroffer Gegner aller Religionen, daß er ihre wichtigste Grundlage, die Persönlichkeit und ihre Kraft zerstört. An die Stelle der freiwirkenden Menschenseele, welche gegen das Nebel ankämpst und an ihrer eigenen Vervollkommnung arbeitet, stellt der Rassenantisemitismus das Fatum des Blutes. Keine Freiheit des Willens läßt den denkenden und handelnden Menschen zwischen Gut und Böse, zwischen Erlösung und Verderben wählen, sondern das Blut und die Rasse bestimmen nach dieser Lehre alles. Wem ein glücklicher Zufall es beschieden hat, in einer herrschenden wertvollen Rasse geboren zu sein, der kann nicht sinken und nicht entarten, und dem Sohne einer verachteten, niedrigen Rasse helfen ethisches Wollen und verdienstvolles Handeln nichts; er kann sich nicht erheben und dem durch seine Rasse bestimmten Schicksal nicht entrinnen. Für den Vertreter des folgerichtigen Rassenantisemitismus bedeuten Verdienst und Charakter nichts. Das Leben und der Wert des Menschen sind bestimmt durch die in der Rasse begründeten Anlagen. Auf den Glauben an eine Vervollkommnung durch eigenes sittliches Streben kann aber keine Religion verzichten, und sie würde sich selbst vernichten, wenn sie es zuließe, daß die Begriffe „gut" und „böse" ihre Abhängigkeit vom Willen des Menschen verlören, um zu mechanischen Attributen des Rassencharakters zu werden. Und die Rassentheorie, die solche Anschauungen verbreitet, um die Minderwertigkeit des Juden und seine Gefahr für die deutsche Kultur zu erweisen, wendet, sich damit in Wahrheit weniger gegen den konkreten Gegenstand ihres Angriffs als gegen die allgemeinen religiösen Grundsätze der Völker Europas! Für die Stellung des Christentums ist aber die Rassen-